Eine Episode aus meiner Radiokolumne "Planet Berlin."
Ich eröffnete meine Radiokolumne "Planet Berlin" mit "Aloha Berlin" und schloss mit "Ich liebe diese Stadt" – was auch stimmt, übrigens. Ich sprach über merkwürdige Phänomene wie der Laden, der nur Äpfel anbietet, oder die Punks, die alte U-Bahn-Karten verkaufen, ein Nasenflötenorchester oder über die Straße der Verdammnis...
Jaksch kannte ein Geheimnis

8. September 2008
RadioEins
Planet Berlin

Die Strasse der Verdammnis
 

Es gibt Dinge in dieser Stadt, die werde ich nie begreifen, und eines davon ist die Straße der Verdammnis.

Mit bürgerlichen Namen heißt die Straße der Verdammnis Kolonnenstrasse und sie verbindet Kreuzberg und Tempelhof mit meinem Kiez Schöneberg. Man könnte denken, so wichtige Straße wäre auch eine erfolgreiche Strasse ist, aber ich gehe jeden Tag diese Straße herunter und ich kann Ihnen sagen, Erfolg ist in dieser Straße ein Fremdwort.

Ich habe noch nie so viele Läden auf einer Strecke gesehen, die entweder zu und leer sind oder auf haben und leer von Kunden sind.

Nur wer unbedingt Pleite machen will, kommt in die Straße der Verdammnis.

Es gibt ein Döner Bude, der alle drei Monate den Besitzer wechselt. Es gibt ein Restposten-Möbelladen, der immer leer ist, und wer daran vorbeigeht, weiß auch warum: da stehen riesigen Lampen drin in der Form von griechischen Göttinnen. Wer stellt so was in ihre Wohnzimmer? Außer vielleicht ein griechischer Gott, meine ich. Meine Damen und Herren, haben Sie sich nie gedacht, dass es ein Grund gibt, warum Restposten auch Restposten sind? Selbst die türkischen Sportverein-Cafes, die ja traditionell die einzigen wirklich erfolgreichen Unternehmen Berlins sind, wechseln in der Straße der Verdammnis regelmäßig den Namen.

Und dann gibt es das größte Rätsel überhaupt: Jaksch.

Seitdem ich da wohne, also über zehn Jahre, habe ich noch nie erlebt, dass Jaksch aufhat.

Jaksch ist ein Plattenladen. Jeden Tag gucke ich in das Fenster und sehe lauter verstaubte Schallplatten aus den 60ern und 70ern und früher. Aber der Laden ist dunkel und zu. Ich habe nie erlebt, dass er auf machte. Andererseits ist er auch nie verschwunden.

Ich konnte es mir nur so erklären, dass aus einem unheimliche Zufall der Ladenbesitzer und sein Vermieter am gleichen Tag irgendwann in den spät 70ern gestorben sind. Da hat der Vermieter nicht mehr gemerkt, dass die Miete nicht mehr überwiesen wurde, und der Ladenbesitzer merkte nicht mehr, dass er rausgeschmissen wurde.

Doch dann erschien im Schaufenster ein riesiges "50%" - ein Lebenszeichen! Der Ladenbesitzer lebte, will aber in die Rente gehen und verkaufte alles 50% billiger. Doch da war nur ein Problem dabei: Er machte den Laden immer noch nicht auf. Alles war 50% reduziert, aber keiner kam rein.

Dann eines Tages sah ich, dass der Laden wieder auf zufällig war. Schnell flitzte ich rein, bevor er wieder zumachten konnte. Da in den Schatten hinter der Theke stand er: Herr Jaksch.

Jaksch ist ein Herr im mittleren Alter mit tiefer Stimme und weißem Drei-Tage-Bart. Ja, sagte er, er habe tatsaechlich auf und verkaufe auch alles, was man im Geschäft sieht: nämlich, Schallplatten. Schallplatten! Schallplatten im Zeitalter des iPods! Das müssen aber Raritäten sein.

Nein, sagte er. Es sind bloß Schalplatten.

"Das billigste Produkt ist 5 cent, die Singles:, sagte er. "Ich bin gut bestückt mit Volksmusik. Die Diskowelle habe ich komplett".

Dann erzählte er mir sein Geheimnis - das Geheimnis des Überlebens in der Straße der Verdammnis.

Jaksch betreibt sein Geschäft seit Mitte der 70er, aber als alles den 90ern bergab ging, da machte er zu. Was machte er? Es ging arbeiten, natürlich. Er ist Bayer und kann Akkordeon spielen.

"Ich überlegte, was kann ich anders machen kann", sagte er. "Ich wollte ein zweites Standbein. Da dachte ich, ich kann Akkordeon spielen. Also spiele ich in Lokalen, mit einem Partner, Volkstümliches meistens, mit Gesang und Jodeln. Jodeln sie?"

"Nein", sagte ich.

Von all den Läden in der Straße der Verdammnis hatte nur Jaksch das Geheimnis des Erfolges verstanden: Wer hier wirklich wirtschaftlich erfolgreich sein will, muss sein Laden zumachen und arbeiten gehen. Vermutlich ist das das Geheimnis des Erfolges in Berlin überhaupt - auch die großen Geschäften und die Industrie sollten das genauso machen: Den Laden dicht machen und woanders arbeiten gehen. Erst dann wird Berlin zu der erfolgreichen Stadt, die sie sein soll.

Ich liebe diese Stadt.

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