Eine meiner Kolumnen auf Zeit Online.
Meine Kolumne bei Zeit Online bereitet mir deswegen Vergnügen, weil die Leute sich so schnell empören: Ein Wort darüber, warum jeder Waffen im Haus haben sollte, warum die Europäer sich für die Sklaverei entschuldigen sollten oder wie Europa sich gerade zu einer zweiten Supermacht neben der USA hochmausert – und schon hagelt es Aufreg-Mails!
Wann kommen die Vereinigten Staaten von Europa?

Zeit Online, 22. Mai, 2013
Die Vereinigten Staaten von Krautropa

Die Franzosen haben die Ideen, die Deutschen das Geld und das Sagen: Kolumnist Eric T. Hansen malt sich die Vereinigten Staaten von Europa aus.


In der vergangenen Woche hat der französische Präsident François Hollande angekündigt, er strebe schon in den kommenden zwei Jahren "eine echte Wirtschaftsregierung" für die Euro-Zone an. Sie soll die Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten regeln und das Steuerrecht angleichen. Gleichzeitig sollen "die Umrisse einer politischen Union" entstehen.

Eine politische Union? Das kommt für einige vielleicht überraschend, ist aber keine neue Idee. Auch keine französische. Winston Churchill sprach schon 1946 von den "Vereinigten Staaten von Europa", und Helmut Kohl hatte die Idee sicher im Hinterkopf, als er mit den Franzosen die EU und den Euro vorantrieb - damit bildeten sie die Grundlage einer politischen Union. Auch Wolfgang Schäuble sprach davon, als er 2012 dieselbe Forderung stellte wie Hollande in diesen Tagen.

So könnte es jetzt etwas werden: Ein gemeinsamer EU-Wirtschaftsminister und eine wirkliche Zentralbank mit echten supranationalen Befugnissen wären die nächsten Schritte. Hat die EU erst mal einen gemeinsamen Minister, werden schnell weitere folgen, angefangen mit einem gemeinsamen Außenminister.

Dann wird endlich die EU-Verfassung, die seit 2004 in der Schublade liegt, revidiert und überall ratifiziert werden. Irgendwann ist es dann nur noch logisch, dass die EU auch einen in einer Direktwahl gewählten Präsidenten hat, der die einzelnen Länderchefs ablöst.

Ist es aber wirklich möglich, aus der kriselnden Wirtschaftsunion EU innerhalb von zwei Jahren die "Vereinigten Staaten von Europa" zu schaffen? Aber ja: Es ist allein eine Frage des politischen Willens.

Die Euro-Krise kann dabei sogar behilflich sein: Wenn Angela Merkel frech (und mit Recht) behauptet, Europa komme nur aus der Krise, wenn die Nationalbanken zugunsten einer verstärkten Europäischen Zentralbank abgeschafft werden, haben die planlosen europäischen Oberhäupter kaum eine andere Wahl, als zuzustimmen. Sie brauchen ja das europäische (und deutsche) Geld.

Wie diese Vereinigten Staaten von Europa konkret aussehen würden? Ob in 2 oder 50 Jahren, so stelle ich mir das Europa der Zukunft vor:

Deutschland als Nationalstaat gibt es nicht mehr, auch Frankreich nicht. Es gibt überhaupt keine Nationalstaaten mehr, sondern nur noch Bundesstaaten der Vereinigten Staaten von Europa, wie Texas ein Bundesstaat der USA ist. Eine eigene Polizei und ein eigenes Schulwesen hat Deutschland noch, genau wie der Freistaat Bayern heute, aber keinen Außenminister, auch keinen Pass: Es gibt nur noch europäische Pässe und EU-Bürger.

Deutschland hat nicht einmal mehr eine eigene Bundeskanzlerin: Im Reichstag regiert lediglich eine Gouverneurin, und diese macht keine internationale Politik, sondern kümmert sich um neue Brücken und Steuererleichterungen für zugezogene Großkonzerne und dergleichen. Und sie droht natürlich regelmäßig damit, aus dem EU-Länderfinanzausgleich auszusteigen, eben wie Bayern das heute tut (und Texas übrigens auch).

Internationale Politik wird nur noch in Brüssel gemacht. Und wie. Die Vereinigten Staaten von Europa sind so groß - wirtschaftlich und politisch spielen sie in der gleichen Liga wie die USA und China -, dass ohne sie gar nichts mehr läuft: ob es um Unruhen in Nahost geht, um Sanktionen gegen irgendeinen Diktator, der sein Volk in einen Bürgerkrieg treibt, um den IWF, die Weltbank, oder um eine Entscheidung in den UN.

Denn ist die politische Union einmal vollzogen, gibt es neben China und Amerika endlich eine dritte Supermacht, die die internationale Politik mitbestimmt: Europa - das ich dann Krautropa nennen würde. Warum? Weil dort vor allem die Deutschen das Sagen haben.

Die Franzosen, das ist klar, sehen das anders. Deshalb hat Hollande in der vergangenen Woche die Initiative ergriffen: Würde er die Vereinigten Staaten von Europa zu einem französischen Projekt machen, könnte Frankreich darin die Führungsrolle übernehmen. Doch da hat er sich geschnitten.

Denn schon in der Griechenland-Krise 2012/2013 haben wir es gesehen: Wer das Geld hat, bestimmt die Regeln. Und Deutschland bleibt noch eine Weile die reichste und stabilste Region Europas. Es braucht nur ab und zu einen aufmunternden Tritt von den Nachbarn, um das auch zu begreifen.

Auch das Amt des europäischen Präsidenten wird, vermute ich, überproportional oft von einer oder einem Deutschen besetzt sein. Warum? Weil die deutsche Union mit der französischen UMP fusioniert und so zur mächtigsten Partei Europas wird - in der ein deutscher recht oft den Vorsitz hat.

Geht das gut, Deutsche und Franzosen zusammen in einer solchen Kraut-und-Crêpes-Partei? Warum nicht? Frankreich liefert die Visionen, Deutschland die pragmatische Umsetzung. Das ist immerhin besser als andersherum, da sind sich wohl alle einig.

Ich vermute sogar, dass sich zwischen Frankreich und Deutschland in Zukunft eine Art good cop/bad cop-Beziehung entwickeln wird: In internationalen Konflikten schickt Frankreich Truppen, danach kommt der good cop Deutschland mit dem ganzen Geld, räumt den Schutt weg und installiert ein Windpark. Anfänge dieser guten Teamarbeit sehen wir schon heute in Mali.

Ich sage: Ein Hoch auf Krautropa!

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