Eine Story, die ich für Berlin Block schrieb.
Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hat Berlin keine Stadtzeitschrift vom Rang eines "The New Yorker". Die Monatszeitschrift "Berlin Block" versuchte, diese Lücke zu füllen. Es ging nur drei Ausgaben lang gut, aber so lange machte es Riesenspaß. Hier ist eine meiner Stories aus Berlin Block".
"Fuck the unit", sagte sie.

Berlin Block, November 2009
 
Nacht mit Cowboyhut
 

An einem herbstlichen Samstagabend dachte ich mir, ich könnte nach langer Zeit mal wieder meinen Cowboyhut spazieren führen.

Meine Photographin Andrea und ich trafen uns in der Schwalmer Stube in der Langenscheidtstraße in Schöneberg. Mein Cowboyhut und ich waren ein wenig nervös. "Früher, ja, das war kein Problem", sagte ich. "Die ganze Nacht club-hopping, bar-crawling, in der U-Bahn kotzen und fröhlich weiter zum Döner-Imbiss. Aber das ist lange her."

"Hast du das Gefühl, du bist nicht mehr jung genug?" fragte sie.

"Ich habe das Gefühl, dass Berlin nicht mehr jung genug ist", sagte ich.

Berlin war mal ein Ort, wo man sich darauf verlassen konnte, dass etwas passiert, wenn man die Nase nur lange genug ins Nachtleben steckt. Man landet in einer Studentenwohnung mit wildfremden Leuten beim Kiffen; man macht die Augen auf und sieht, wie ein Elefant in der Straße vorbei spaziert; man trifft auf jemanden, der einem die Sicht auf die Welt gründlich verändert. Irgendwas.

"Heute verläuft hier alles in geordneten Bahnen, alles vorhersehbar."

"Vertrau auf die Stadt", sagte meine Photographin. "Was ist das übrigens für eine komische Kneipe hier?"

Gute Frage.

Wir saßen in einem hellerleuchteten Zimmer mit Glasfront, urigen Holzmöbeln, einer Eckbar mit staubigen Schnapsflaschen, mindestens einem röhrenden Hirsch sowie eine beachtenswerte Sammlung an Schmucktellern mit Trachten-Motiven an der Wand. Und einigen Berliner Originalen, die rumsaßen, als ob sie bezahlte Schauspieler wären, die eine echte Berliner Eckkneipen-Atmosphäre erzeugen sollten.

Vor allem dieser Name. "Schwalmer Stube" hört sich an wie erfunden: Man nehme "Alm" und setze ein paar Buchstaben hinzu. Man könnte das gleiche mit Ulm oder Harz machen: die Schwulmer Stube, die Scharzer Ecke. "Es gibt kein Schwalm, oder?" fragte ich den Wirt Hans-Walter Grein.

"Klar gibt es das", behauptete der Ur-Schwalmer und Ur-Berliner frech. Die Schwalm, das sei ein Landstrich in Nordhessen, wo Frau zur Tracht ein rotes Käppchen trägt, da hat auch Rotkäppchen ihr rotes Käppchen her. Walter konnte das auch beweisen: Von dem Baldachin über der walnussfarbenen Eck-Bar holte er eine Flasche hochprozentigen Schnaps mit dem Namen "Hochspannung" und schenkte mir ein. Es schmeckte süß und gemütlich und nach einem Landstrich in Nordhessen, wo Frau zur Tracht rote Käppchen trägt und zum Bier Hochspannung trinkt.

Walter hatte noch mehr Beweise für seine Authentizität, und jeder Beweis kostete auch ein bisschen was. Seine Lebensgefährtin Frau Zimmerriemer zum Beispiel. Sie sei die frühere Betreiberin der ehemaligen Kneipe Zum Goten. "Wie? Die legendäre Kneipe, wo Willi Brandt und Günter Grass und womöglich sogar John F. Kennedy zusammen gekegelt haben?"

"Genau die", sagte Walter und goss mir Hochspannung nach. "Sie macht auch unseren Käsekuchen. Den besten der Stadt."

Nach dem besten Käsekuchen der Stadt und noch mehr Hochspannung gelang es mir zwar, ihre selbstgemachte Marmelade abzuwehren, aber ihrem selbstgebrannten Zitronen-Ingwer-Likör konnte ich nicht mehr ausweichen, und irgendwann konnte ich meine Photographin nur noch anflehen: "Hol uns hier raus!"

Meine Photographin, mein Cowboyhut und ich schwankten zusammen in die Obentrautstraße, Ecke Mehringdamm, zum Tanz-Palast-X - eine echte türkische Disko.

"Ich wollte schon immer mit einer Türkin tanzen", gestand ich.

"Nur tanzen?" fragte sie etwas zickig.

In meiner ganzen Zeit in Berlin hatte ich noch nie probiert, in eine türkische Disco reinzukommen. Ehrlich gesagt hatte ich ein wenig Schiss davor. Ich bin Weißer, Amerikaner und trage auch noch einen Cowboyhut. Würde man mich da drin beschimpfen, anpöbeln, mit Efes übergießen?

Doch ich hatte die Situation gründlich falsch eingeschätzt. Die Türsteher begrüßten uns höflich und warfen weder mir noch meinem Hut einen zweiten Blick zu.

Der DJ spielte zuckersüßen, hämmernden, melodramatischen Türk-, Arab- und Bollywood-Pop. Da tanzten korpulente Sachbearbeiterinnen, deren Glitzerpullis die 80er in erstaunlich gutem Zustand überlebt hatten. Meine Photographin und ich machten ein Wette: Sie glaubte, die beiden ansehnlich übergewichtigen Damen am Nebentisch seien blondierte Türkinnen; ich wettete, sie wären blondierte Deutsche. Sie waren blondierte Russinnen. Und dann war dieser Typ, ein Araber vielleicht, der sich meiner Photographin gegenüber damit brüstete, er als ordentlicher Macho habe eine Ehefrau zu Hause und noch eine Freundin irgendwo dazu. Wir fragten nicht, was er dann an einem Samstagabend allein an der Bar machte.

Nur die Türkinnen waren nirgends zu sehen.

Erst langsam dämmerte uns das Erfolgsrezept der türkischen Disco Tanz-Palast-X: Die Männer waren Türken oder Araber, die Frauen waren Weiße. Tanz-Palast-X hatte eine Marktlücke entdeckt.

Meine Photographin, mein Cowboyhut und ich drangen tiefer in Kreuzberg ein, bis in die Reichenbergerstrasse.

Möbel Olfe ist Berlinerisch in traditionellen Sinne: Ein bisschen schnoddrig, ein bisschen angeranzt, im guten alten Stil der illegalen Clubs der frühen Neunziger. Auch das Publikum ist ganz traditionell: Wer jung und weiß ist und aus gutbürgerlicher Familie, gern aber so tut, als ob er all das ironisch betrachtet, und Seinesgleichen sucht, um gemeinsam so zu tun, als ob man all das ironisch betrachtet, ist bei Möbel Olfe an der richtigen Adresse. Hat man fest vor, irgendwann eine Kulturschaffende zu heiraten, hier findet man sie. Ist man Vater einer Kulturschaffenden und macht sich Sorgen um ihre Zukunft, kann man in Möbel Olfe sehen, was für einen Schwiegersohn sie irgendwann nach Hause schleppen wird.

An diesem Abend war auch Prominenz anwesend: Hinter dem Plattenteller stand die Künstlerin Betty Stürmer, die diese Foto-Remixes macht, und Kollagen, die aussehen wie gewebt. Wenn eine solche Künstlerin auflegt, sollte man sich in ihrer Nähe aufhalten. Und siehe da: bald nahmen mein Cowboyhut und ich zwei schöne Kroatinnen wahr, die sich in ihrer Nähe aufhielten.

Die eine studierte Politwissenschaft in Zagreb; die andere studierte in Berlin Tanz und Choreographie. "Wenn ich tanze", erklärte sie, "ist es wie Strom, der durch meinen Körper fließt. Das habe ich zwar aus Billy Elliot, aber es stimmt."

Ein Gespräch über Kunst! Da konnte ich mithalten.

"Das ist genauso bei uns Autoren", sagte ich stolz. "Der einzige Unterschied ist: wenn man schreibt, wird man fett dabei und man kriegt einen Bandscheibenvorfall und der Strom, der durch den Körper fließt, ist so schwach, dass man ab und zu mitten im Satz einschläft."

Ich glaube, das hat sie beeindruckt.

Als das Gespräch darauf kam, ob sie nach dem Studium hier bleiben würde, schnaubte sie: "Ich werde meine Freunde in Kroatien immer mehr brauchen als irgendjemanden hier im Ausland".

"Ach was", meinte ich. "Irgendwann findet jeder den Mann bzw. Frau seines Lebens und bildet eine andere, eine neue Einheit." Wir sprachen Englisch: "A new unit", sagte ich.

"Fuck the unit", sagte sie.

In dem Moment wusste ich, dass ich sie unbedingt küssen wollte, bevor dieser Abend vorbei war.

Nach einem kohlenhydratreiche Zwischenstopp um die Ecke in der Cafe Bäckerei Melek Pastanesi in der Oranienstraße, landeten meine Photographin, mein Cowboyhut, die zwei schöne Kroatinnen und ich in der Schwulenkneipe Roses, die mit dem dicken, tiefrosa Plüsch an den Wänden.

Die ganze Zeit hatte ich insgeheim gehofft, wegen meines Hutes mindestens einmal angepöbelt zu werden, aber die Berliner sind wohl tatsächlich zu abgebrüht, die kannste einfach nicht beeindrucken, und mal ernsthaft - wer in Berlin respektiert einen Cowboyhut mehr als Schwule? Also machten mein Cowboyhut und ich unseren Frieden damit und unterhielten uns mit Jan, dem schönen Deutschen.

Jan hatte die USA bereist und pflegte eine eher internationale Perspektive auf die Dinge: "Europa ist dekadent und geht unter", gab er bekannt. "Wir gehen alle unter. Und zwar bald."

Er gab Europa noch fünf bis zehn Jahre. Ich aber, von Haus aus Optimist, war überzeugt, dass Europa noch bis zu fünfzehn Jahre lang überleben könnte. Jan fand mich naiv.

Dann passierte es: Mein Cowboyhut flog mir vom Kopf.

Ich sammelte ihn auf, sah unscharf einen Typen hinter mir, der herausfordernd grinste, drehte mit wieder zu Jan und diskutierte weiter.

Noch einmal flog mein Hut vom Kopf.

Diesmal drehte ich mich dem grinsenden, unscharfen Fremden zu, packte ihn an den Kragen und drohte ihm mit der ganzen Macht meiner amerikanischen Wut.

Er streckte mir die Zunge raus.

"Komm, wir gehen", sagte meine Photographin.

"Aber ich habe noch was mit der schönen Kroatin noch vor", jammerte ich.

"Das hast du längst vermasselt."

Ich guckte mich um. Meine schöne Kroatin unterhielt sich gerade mit einem gutaussehenden Typen von unklarer sexueller Neigung. Sie hielt auch einen frischen Drink. Den sie nicht von mir hatte. Ich hatte sie vernachlässigt. Ich schämte mich, und wir gingen.

Wir drifteten, wie magnetisch angezogen, in den menschenleeren Bahnhof Friedrichstrasse und sinnierten bei einem Michkaffee und fettigen Würstchencroissants in La Crobag über das Leben nach.

"Ich dachte immer, es würde anders werden, wenn man erwachsen ist", sagte meine Photographin. "Nicht so viele große Entscheidungen. Nicht so viele Unsicherheiten. Ich dachte, wir würden bis dahin alles gelernt haben, was wir brauchen."

Ich wusste genau, wovon sie sprach. Von diesen ganzen Berlinern, die mit 30 oder 40 die großen Fragen des Lebens immer noch nicht beantwortet haben: Will ich eine Karriere oder nur ewig rumhängen? Soll ich mich anpassen oder mich verwirklichen? Soll ich aus der Fernbeziehung eine Nahbeziehung machen, oder ist das spießig? Die Berliner Nacht ist voller solcher Leute. Wir gehörten dazu, meine Photographin, mein Cowboyhut und ich. Und die Nacht hatte uns daran erinnert.

"Es ist, als ob wir immer noch zu jung für das Leben sind", sagte sie. "Nur älter als vorher."

"Ich bin nicht sicher, ob das gerade einen Sinn ergeben hat", sagte ich.

Draußen war es schon hell, und die Straßen waren nass und leer, und ich erinnerte mich daran, wie es damals war, aus der tiefen Nacht über das Vorzimmer einer Kneipe ohne Fenster in das Morgengrauen Berlins zu treten. Es war genauso wie jetzt.

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