Die ängstliche Supermacht.
Irgendwann im Laufe dieses Jahrhunderts wird es drei Supermächte geben: Die USA, China und Europa - wo Deutschland den größten Einfluss haben wird. Dieses Buch handelt davon, was auf die Deutschen zukommt und wie sie sich darauf vorbereiten können. Als erstes sollten sie vielleicht erwachsen werden.
Willkommen in Krautropa.

Kapitel 1
Goodbye Deutschland, hallo Supermacht
 

Meiner Freundin standen die Tränen in den Augen.

Sie hatte ferngesehen. Ich saß im Büro, mit dem Rücken zur Tür, und irgendwann merkte ich, dass sie hinter mir stand. Sie hatte nichts gesagt. Ich drehte mich um. Der Ausdruck in ihrem

Gesicht war traurig und verwundert zugleich.

"Sie verbrennen schon unsere Fahne", sagte sie.

Meine Freundin und Co-Autorin Astrid Ule ist alles andere

als nationalistisch gesinnt, und naiv ist sie auch nicht. Sie ist eine moderne, aufgeklärte Frau, die schließlich für die Hälfte meines Geschreibsels verantwortlich ist, steht wie alle Intellektuellen Deutschlands eher links, hat viele Demos und soziale Bewegungen im Leben kommen und gehen sehen und versteht, was in Griechenland los ist.

Das Phänomen "Fahne verbrennen als Protest" kennt sie auch, und zwar von meiner Heimat. Wenn sie sieht, dass meine Fahne - die amerikanische irgendwo auf der Welt in Flammen aufgeht, hat sie kein Problem damit. Selbst wenn ich sage, dass mir das wehtut, antwortet sie ungerührt: "Dann sollte dein Land vielleicht etwas daraus lernen." Doch die eigene Fahne - das war etwas anderes.

Das war der Moment, in dem mir klar wurde, wie sehr Deutschland sich gerade verändert. Ohne dass viele Menschen es überhaupt wahrnehmen, macht es gerade eine umwälzende Wandlung durch.

Diese Veränderung hängt mit der Euro-Krise zusammen und mit der neuen Verantwortung, die Deutschland zunehmend in Europa übernimmt. Vor wenigen Jahrzehnten noch hatte es die

halbe Welt in Schutt und Asche gelegt und war aus gutem Grunde unbeliebt. Heute schauen alle europäischen Länder nach Deutschland in der Hoffnung auf Hilfe und Führung. Ein erstaunlicher Wandel hat sich vollzogen: Ein schuldiges, verachtetes Täterland ist zu einem verantwortungsbewussten Führungsstaat in einer Staatengemeinschaft geworden.

Plötzlich verstand ich, was das für die Zukunft bedeutet: Alles, was Amerika als Supermacht, als Weltpolizei, als mächtige Wirtschaftskraft, als verhasste und geliebte Idee, als Standard, an dem man sich misst und reibt, gegen den man anrennt, in den letzten 70 Jahren hinter sich gebracht hat, steht Deutschland ab jetzt in Europa bevor. Es war ein aufregender Moment. Das Verbrennen der Fahne durch jene Menschen, denen Deutschland eigentlich nur helfen will, ist nur der Anfang.

Ich sah sie mir an, meine Freundin, wie sie verwirrt dastand, und sagte nur: "Baby, willkommen im Klub."

In der Griechenland-Krise hat Deutschland zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg ganz eigenständig massiv in das Schicksal eines anderen Landes eingegriffen. Natürlich handelte das Land dabei nicht im Alleingang. Deutschland war mit rund einem Viertel des Euro-Rettungsschirms in der Euro-Krise zwar nicht der alleinige Geldgeber, sondern nur der wichtigste und großzügigste; das Geld ist auch nicht geschenkt, sondern bloß geliehen. Auch mit der Doktrin des strengen Sparkurses steht Deutschland nicht allein: Keine Entscheidung wird ohne Kompromisse getroffen. Doch finanziell und politisch ist Deutschland eindeutig der wichtigste Partner: Alles steht und fällt mit ihm. Ganz Europa blickt deshalb gerade auf dieses Land.

Bisher war solch ein Verhalten allein Supermächten wie den USA oder der früheren UdSSR vorbehalten. Denn mit dem Kredit, den Deutschland für Griechenland und andere strauchelnde europäische Staaten bereitgestellt hat, kamen auch strikte Bedingungen für die Kreditnehmer. Das hört sich eigentlich nur logisch an, doch es ist ein Präzedenzfall. Es war ein Diktat Deutschlands an andere souveräne Länder, die das bereitwillig akzeptiert haben. Das ist einmalig in der Geschichte der BRD, und, nur gut 70 Jahre nach Kriegsende, einmalig in Europa.

Das bedeutet, ausgerechnet Deutschland übernimmt Verantwortung für das Wohl anderer Länder und für das Wohl Europas als Ganzes. Und je mehr Verantwortung es übernimmt, desto deutlicher zeigt sich, wie das Land mehr oder weniger freiwillig in eine neue Führungsrolle hineinwächst.

Gleichzeitig macht Europa eine erstaunliche Wandlung durch. Denn es wird immer klarer: Will die Europäische Union überleben, muss sie sich von einer rein wirtschaftlichen Einheit zu einer politischen entwickeln. Irgendwann in der ersten Hälfte des 21.Jahrhunderts wird die EU entweder in Dutzende kleine, ohnmächtige Einzelstaaten zurückfallen, oder sie wird zu einem föderalen Vielvölkerstaat mutieren, zu einer Art Vereinigte Staaten von Europa. Und den größten politischen und wirtschaftlichen Einfluss darin wird Deutschland besitzen.

Eine europäische Föderation ist keine neue Idee. Sie wurde schon 1948 diskutiert, doch so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sie sich nicht umsetzen. Heute sind die Verhältnisse anders: Europa bekriegt sich nicht mehr, sondern gewinnt gemeinsam den Friedensnobelpreis. Ja, man könnte sagen, die Gelegenheit ist günstig.

Die Vereinigung Europas zu einem "Superstaat" würde einen radikalen Schnitt in der deutschen Geschichte bedeuten. Allerdings sollte das für die Deutschen nichts Neues sein. Historisch gesehen wechselt dieses Volk seine Staatsform wie andere Völker ihr Hemd. Das Kaiserreich hat nur 49 Jahre überlebt; die Weimarer Republik nur 15; die Nazi-Utopie nur etwa 1 Prozent ihrer vorgesehenen 1000 Jahre, die DDR kam nur auf 41 Jahre. Die BRD hat es sage und schreibe 64 Jahre ausgehalten.

Die Zeit für einen erneuten Wechsel ist also längst überfällig. Und siehe da: Er zeichnet sich schon am Horizont ab.

Die Griechenland-Krise hat den Wendepunkt eingeläutet. Der ist diesmal nicht so klar abzugrenzen wie 1918, 1933 oder 1949. Denn er kommt Schritt für Schritt: Zuerst macht Deutschland ein wenig Geld für Griechenland locker. Das ist nichts Besonderes. Damit einher geht aber die Forderung, dass Griechenland seine Fiskalpolitik nach deutschen Vorstellungen ändert. Na ja, eigentlich auch logisch. Irgendwann hat man sich an die Idee gewöhnt, dass Deutschland etwas für Europa tun muss, aber auch, dass Deutschland die Spielregeln bestimmt. Schon jetzt ist das für die meisten Deutschen - und für die meisten Europäer - keine so abwegige Vorstellung mehr.

Dann muss an einem vereinten Europa gebastelt werden:

Die Europäische Zentralbank wird nach und nach die gesamten Nationalbanken ersetzen, denn nur so kann eine gemeinsame Währung verwaltet werden. Dazu wird ein gemeinsames Wirtschaftsministerium eingerichtet. Irgendwann wird es so weit sein, dass die Europäer grummelnd die Vorteile der Einigung anerkennen werden und endlich den nächsten Schritt gehen, nämlich die nie ratifizierte EU-Verfassung von 2004 aus der Schublade zu holen, zu überarbeiten und diesmal geschlossen zu unterschreiben. Spätestens dann wird klar, was für ein auch politisch vereintes Europa noch fehlt: ein gemeinsames Präsidentenamt - und der Zusammenschluss aller souveränen Nationen der EU zu einem vereinigten europäischen Staatengebilde.

Selbst wenn die Vereinigten Staaten von Europa dann offiziell immer noch "Europäische Union" heißen sollten, werden sie die wirtschaftlich größte und politisch einflussreichste Macht der Welt sein, so mächtig wie sonst nur die Vereinigten Staaten von Amerika, höchstwahrscheinlich sogar angesehener: eine neue Supermacht für das 21. Jahrhundert, und die Deutschen werden als Primus inter Pares die Führungsrolle innehaben.

Wie das föderale Europa genau aussehen wird, kann keiner sagen. Vielleicht wird es von der Staatsform her gar nicht so anders sein als heute, was ich aber bezweifle. Ich glaube, die Vereinigten Staaten von Europa werden so radikal neu sein, dass man es sich heute kaum vorstellen kann. Man muss die Fantasie spielen lassen.

Hier ein kleiner Vorgeschmack auf das Leben als Deutscher in einer europäischen Supermacht: In absehbarer Zeit wird Deutschland aufhören zu existieren. Das Gebiet gibt es noch, auch die Menschen, ebenso Städte wie Hamburg, Frankfurt oder Schnackenburg. Der Rhein fließt romantisch wie immer durch die Täler. Die Staus auf den Autobahnen zu Ferienbeginn sind so schlimm wie eh und je, vielleicht noch schlimmer, und selbstverständlich gibt es noch den Tatort. Deutschland ist lediglich keine Nation mehr.

Auch der Reichstag steht noch in Berlin, aber da residiert keine Bundeskanzlerin beziehungsweise kein Bundeskanzler, sondern ein Gouverneur. Dieser darf hier und da eine Brücke bauen, Investoren ködern oder Weinköniginnen küren, aber zu den großen Fragen - Steuern, Außenpolitik, Gesundheitswesen - hat er oder sie nicht viel zu sagen. Denn Deutschland ist nur noch eine Region innerhalb der Vereinigten Staaten von Europa, so wie heute Bayern Teil der Bundesrepublik ist.

Der deutsche Gouverneur ist nicht mal Deutscher. Er kommt ursprünglich aus Litauen. Oder vielleicht Malta oder Rumänien. Er ist, wie viele Menschen in Berlin und weiteren deutschen Städten, aus einer anderen europäischen Region hierhergekommen, hat sich zu Hause gefühlt und sich irgendwann gesagt: "He, hier läuft was schief." Also ist er Politiker geworden. Er hat keine deutsche Staatsangehörigkeit, das macht aber nichts, denn er ist europäischer Staatsbürger, und damit kann er in jeder Region Europas nicht nur wählen, sondern auch gewählt werden. Heute ist das ja auf Landesebene nicht anders: Selbstverständlich kann sich ein Thüringer in Düsseldorf zur Wahl aufstellen lassen. Morgen ist das Gleiche auf europäischer Ebene möglich - sogar üblich. Man wird sich nur noch wundern, dass dies früher so unglaublich kompliziert war.

Der Gouverneur spricht nicht einmal einwandfreies Deutsch. Dafür finden die Wähler seine Sprüche einfach charmant: "Da haben wir den Gulasch!" ist bereits zum geflügelten Wort geworden.

Fremdsprachler in politischen Ämtern sind nichts Ungewöhnliches mehr. Deutsch wird zwar noch gesprochen und geschrieben, aber sobald man sich nicht mehr zu Hause oder auf dem Lande befindet, kommuniziert man in Europa nur noch in einer Zweitsprache: Englisch ist die Sprache der Politik, der Wirtschaft, der Kultur, der großen europäischen Zeitungen und TV-Serien. Der Tatort ist nun auf Englisch, hat 27 verschiedene Ermittlerteams und ist der Hit auf dem ganzen Kontinent. Er wird am Sonntagabend gleichzeitig in Aalborg, Malaga, Sofia, Brno, Nikosia, Marseille und in Friedrichsthal (Saar) geschaut. Die deutschen Produktionsteams müssen sich ganz schön anstrengen, um mit ihren britischen, französischen und spanischen Kollegen mitzuhalten, wobei ich sagen muss, ich persönlich finde die teuren westeuropäischen Produktionen zu glatt: Mein Herz schlägt für Tatort: Riga.

Englisch ist auch die Sprache der Singlebars in Berlin, Paris, Rom, Budapest, Warschau, Prag und Istanbul, denn die Einwohner der großen Städte sind längst keine homogene Gruppe mehr. Nur etwa ein Drittel bis die Hälfte der Einwohner sprechen als Muttersprache Deutsch, der Rest ist eine wilde Mischung aus allen möglichen Sprachen. Und alle wollen sie in Deutschland Karriere und Geschäfte machen, am Stammtisch über Politik und Popkultur streiten und natürlich einander auch an die Wäsche. Dafür brauchen sie die Sprache Europas: Englisch. Oder auch, wie der alte, dann vergessene Vordenker Europas Wolfgang Schäuble 2012 in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Sonntag sagte: Schlechtes Englisch - "die meistgesprochene Sprache der Welt".

Stört Sie diese Vorstellung von diesem Deutschland im 21. Jahrhundert? Haben Sie das beängstigende, ohnmächtige Gefühl, Ihre Kultur, Ihre Heimat, Ihre Identität zu verlieren? Dass Ihnen Ihr Deutschsein von einer wilden, ausländischen Mischpoke geraubt wird? Falls ja, lassen Sie uns einen Blick auf das restliche Europa werfen. Denn dort hat man das Gefühl, man verlöre seine Identität, Geschichte und Heimat ausgerechnet an die Deutschen.

Am meisten ärgert man sich über die deutschen "Heuschrecken". Es ist schlimm genug, dass die Deutschen von Brüssel aus den anderen Mitgliedstaaten immer alles vorschreiben müssen, was mit Wirtschaft zu tun hat, aber damit nicht genug: Ähnlich wie damals nach der Wende in der DDR, kommen immer mehr Deutsche nach Ljubljana, Bratislava, Bukarest, Sofia, Tallinn oder gar Lissabon und übernehmen gleich ganze Firmen dort. Na gut, manche bringen die Unternehmen auf Vordermann, andere aber kassieren nur europäische Fördergelder, kloppen den ganzen Laden in die Tonne und hauen wieder ab. Überhaupt, wie viele Manager gibt es noch in den großen Firmen im Osten von Europa, die keinen deutschen Nachnamen haben?

Nicht nur in den ländlichen, eher ärmlichen Gebieten von Europa ärgert man sich über die Deutschen: In Brüssel erst recht. Zum vierten Mal hintereinander hat ein Deutscher das Amt des europäischen Präsidenten inne. Seit dieses oberste Amt in einer Direktwahl entschieden wird, scheint ständig ein Deutscher in der schicken neuen Brüsseler Präsidentenvilla, "Türmchen zu Babel" im Volksmund, zu residieren. Vor allem die konservative deutsch-französische CDU/UMP, auch "Kraut-und-Crâpes-Partei" genannt, schafft es immer wieder an die Macht. Das finden viele Bundesstaaten wie Lettland und Bulgarien unfair, aber was soll man machen? Es ist ja ausgerechnet die eigene Partei - die osteuropäische Drei-Länder-Partei G E R B - die immer wieder mit der CDU/UMP koaliert und ihnen dadurch die absolute Mehrheit verschafft.

Im Übrigen ist die Koalitionslandschaft viel interessanter als damals in der BRD: Seit die Türkei den Status eines vollwertigen Mitgliedstaats erreicht hat, wählt ein Großteil der europäischen Muslime die AKP, die damit zu einem wichtigen Verhandlungspartner in Koalitionsgesprächen geworden ist. Überraschenderweise ist ganz nebenbei die Popularität der radikalen Islamisten in Europa stark zurückgegangen, seit Muslime ein Mitspracherecht in der europäischen Politik haben.

Die Deutschen allein wären in Europa zwar zahlenmäßig unterlegen, aber zusammen mit den Franzosen, den Italienern und den Spaniern machen sie die Hälfte der EU-Bevölkerung aus, und ihre Parteien ergattern erstaunlich oft das Präsidentenamt. Und ebenso erstaunlich oft stammt deren Spitzenkandidat eben aus Deutschland. Na ja, das kennen wir ja schon von Griechenland 2012/2013: Wer das Geld hat, bestimmt die Regeln.

Wer will da noch zu Hause bleiben, wenn woanders die Musik spielt? Sobald die Kinder in Ungarn erwachsen sind, hauen sie ab nach Deutschland und heiraten auch noch einen oder eine von dort. Zu Weihnachten besuchen sie mit ihren Kindern Oma und Opa, aber die Kleinen können keine ungarischen Weihnachtslieder mehr singen, wünschen "Frohe Weihnachten" statt "Kellemes karäcsonyi ünnepeket!" und wollen keine Pogatschen essen, sondern Pommes und Spaghetti bolognese. Und sprechen nur noch Englisch und Deutsch.

Deutsch ist schon lange die beliebteste Zweitsprache in und über Europa hinaus. Zwar ist Englisch die Lingua franca, aber die Deutschen haben so viel Gewicht in Europa, dass man auf den Straßen in Brüssel, ja selbst in New York und Peking, mehr Deutsch als Französisch oder Japanisch hört, oft mit den merkwürdigsten Akzenten. Studenten weltweit kreuzen automatisch Deutsch an, wenn es darum geht, nach Englisch eine zweite Fremdsprache zu erlernen. Man spricht gar von einer "deutschen Renaissance": Mit dem Interesse an Volk und Sprache geht eine neue Begeisterung für die deutschen Klassiker einher, und in den schicken New Yorker Lesezirkeln ist es Trend, neuere deutsche Literatur in englischer Übersetzung, aber mit dem deutschen Original auf dem Schoß zu lesen und zu diskutieren. Junge deutsche Autoren jonglieren mit ihrer Muttersprache, dass dem Rest der Welt schwindelig wird. Die Ungarn, die Bulgaren, die Dänen können das nicht von ihrer Sprache sagen, und das ärgert sie, denn ihre Sprache ist doch auch schön.

Die Deutschen haben so viel Einfluss, sie haben so schnell und so selbstverständlich die Führungsrolle übernommen, dass andere Länder die Europäische Union inzwischen ganz offen "die Vereinigten Staaten von Deutschland" nennen. In Frankreich munkeln sie ab und zu von "Euromagne", und auf der ganzen Welt kommt man mit "Krautropa" durch.

Ohne "Krautropa" läuft gar nichts mehr. Wenn es um Unruhen in Nahost geht; um Sanktionen gegen irgendeinen Diktator, der sein Volk in einen Bürgerkrieg treibt, um den IWF, die Weltbank, um eine bevorstehende Entscheidung in der UNO, um eine Wirtschaftskrise wie die von 2008, Umweltkontroversen oder die Regulierungen des Internets, wendet man sich als Erstes an die Supermächte Amerika sowie "Krautropa" und dann und wann auch China.

Allerdings will ich nicht verschweigen, dass es auch einen gravierenden Nachteil gibt: Die Fußball-WM ist langweilig geworden. Seitdem Europa als ein Land gilt, ist die Zahl der teilnehmenden Mannschaften auf eine Handvoll geschrumpft, und die Europäer gewinnen immer.

Immer diese Deutschen! Wie haben sie es nur geschafft, wieder ganz oben zu sein? Und zwar mit dem, wenn auch ein bisschen widerwilligen, aber doch erleichterten Einverständnis der anderen Europäer? Das soll einer verstehen!

In ganz Europa spürt man diese kommende Veränderung wie ein sanftes, aber stetiges Erdbeben. Vor allem die Deutschen spüren es. Je näher die Vereinigten Staaten von Europa rücken, desto unruhiger werden sie. Denn sie ahnen nicht nur, dass ihnen mit der Führungsrolle eine ungeheuere Verantwortung in den Schoß gelegt wird, sie wissen, dass sie darauf nicht vorbereitet sind. Sie ahnen richtig: Seit dem Zweiten Weltkrieg ach was, seit Anfang des 19. Jahrhunderts - haben die Deutschen eher das Gegenteil von Führungsqualitäten verinnerlicht: Furchtsamkeit statt Mut, Ausreden erfinden statt Verantwortung übernehmen und sich selber so kleinzumachen, dass keiner da draußen bemerkt, dass sie da sind.

Dieses Buch handelt von Europa, aber nicht von der Bürokratie in Brüssel oder den Details aus dem Vertragswerk, aus dem die Europäische Union entstand. Das Buch liefert auch keine Argumente für oder gegen Europa, denn die Vereinigten Staaten von Europa, in welcher konkreten Form auch immer, werden so oder so zustande kommen. All das ist seit der Griechenlandkrise Nebensache. Wichtig für mich als amerikanischer Beobachter ist die Frage: Was bedeutet das für die Deutschen?

Für dieses Volk, das sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor jeder Verantwortung auf der internationalen Bühne weggeduckt hat. Für all die braven Bürger, die während der letzten 20 Jahre verinnerlicht haben, dass sie aus ganz klaren, logischen, persönlichen wie auch politischen Gründen bloß nie wieder den Kopf aus dem Sand ziehen dürfen. Für dieses Land, das als Überlebensstrategie gelernt hat, sich klein und unsichtbar zu machen, das seine Angst vor Verantwortung zu einer politischen Philosophie erhoben hat. Für jene Deutschen, die all das gar nicht gewollt haben - aber keine Wahl mehr haben.

Dieses Buch handelt von ihrem Land und seiner neuen Rolle als führende und verantwortliche Kraft in einer kommenden Supermacht und davon, was auf sie zukommt. Wie ihr Leben und ihre Gesellschaft sich durch ihre neue Aufgabe verändern werden. Welche lieb gewonnenen, aber selbstzerstörerischen Gewohnheiten wie Angst, Selbsttäuschung und Wirklichkeitsflucht sie dafür ablegen müssen, und was notwendig ist, um dieser Rolle gerecht zu werden.

Einige Bemerkungen zu "Die ängstliche Supermacht"
Dies ist mein politischstes Buch und mein Versuch, die Deutschen für die Zukunft des europäisches Hühnerhofes zu interessieren.
 
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