Planet America.
Seit ich in Deutschland lebe, sehe ich meine Heimat Amerika anders. Aus der Distanz erkennt man die eigenen Mythen besser - aber auch das Einzigartige. Wenn ich jetzt an Amerika denke, denke ich vor allem an die Menschen mit ihrem unbändigen Geist, den es sonst nirgends auf der Welt gibt. Jeder sollte mal von zuhause weggehen und zurückschauen.
Die Wildnis in uns.

Kapitel 3
Wir wollen nicht regiert werden
 

 
Wir Amerikaner sprechen oft von Recht und Ordnung.

In unseren Western beispielsweise spielen wir das stets aufs Neue durch. Immer wieder geht es um einen Sheriff, der allein gegen einen reichen, mächtigen und kriminellen Rancher antreten muss. Er kämpft allein auf weiter Flur, weil er weiß, Fairness, Gerechtigkeit und Moral können nur siegen, wenn das Gesetz siegt. Wir nennen es "rule of law" - das Prinzip, dass nicht der Stärkere oder der mit der größten Waffe das Sagen hat, sondern das Gesetz. Wenn wir über den Wilden Westen sprechen, erzählen wir mit nostalgischem Stolz, wie wir damals das Chaos gebändigt, Willkür durch Recht ersetzt und dem ungehobelten Cowboy

Manieren beigebracht haben.

Aber tief im Herzen bereuen wir diese Entwicklung. Tief

in uns drin haben wir Angst, dass die Zivilisation uns die Lebenskraft und die Fantasie raubt, und wir sehnen uns nach der Wildnis, die Amerika uns einst versprach.

Johannes Kelpius aus Nürnberg etwa war überzeugter Pietist. Im 17. Jahrhundert erfreute sich der Pietismus in Deutschland überaus großer Beliebtheit - bei den Pietisten handelte es sich um die deutschen Puritaner. Allerdings war Kelpius etwas extremer eingestellt als die anderen.

Er war einer der Jünger eines abtrünnigen evangelischen Pfarrers und Astronomen und wurde, als dieser starb, zum neuen Anführer des frommen Grüppchens bestimmt.

Was diese Pietisten von anderen unterschied, war ihre Überzeugung, die sie mit Hilfe von Horoskopen, Sternkarten und Teleskopen gewonnen hatten, dass Jesus genau im Jahr 1694 auf Erden zurückkehren würde. Dies war in der Tat eine sehr nützliche Information, vor allem weil man schon das Jahr 1693 schrieb. Aber damit nicht genug: Um Jesus bei dessen Wiederkehr gebührlich zu empfangen, war es ihrer Meinung nach unbedingt erforderlich, ihn in Amerika zu erwarten.

Sie segelten also nach Philadelphia, damals ein Dorf am Rande des großen Waldes, und pilgerten von dort aus noch ein Stück weiter, bis sie zu einem unbewohnten Tal kamen, das der kleine Fluß Wissahickon durchzog.

Am nächsten Morgen gingen sie an die Arbeit. Sie bauten ein Haus und wohnten dort alle gemeinsam, zölibatär selbstverständlich. Tagsüber, wenn Kelpius keine Hymnen komponierte oder Bücher über die richtige Art zu beten schrieb, ging er in eine nahe gelegene Höhle, die es heute noch gibt, und meditierte. Abends stieg er aufs Dach des Hauses und suchte mit dem Teleskop den Himmel nach Jesus ab.

Ich mache es kurz: Er kam nicht.

Ein paar Jahre danach, mit 35, starb Kelpius, vermutlich an einer Lungenentzündung von den vielen kalten Nächten auf dem Dach, und die anderen verliessen das Tal des Wissahickon und kehrten in die Zivilisation zurück.

Die Gruppe hat nichts Nennenswertes hinterlassen. Keine Tradition, keine Legende, kein Erbe, von dem Amerika heute noch zehrt. Das heißt, doch - eines hinterließen sie. Das Geheimnis ihrer Amerikareise.

Denn es stellt sich doch die Frage: Warum mußten sie all das unbedingt in Übersee veranstalten? Zu Hause wurden sie ja nicht verfolgt. Sie stellten keine gesellschaftliche Gefahr dar. Sie wollten keinen neuen Staat gründen, sind keine Selbstmordsekte gewesen. Sie gedachten nur in aller Ruhe auf Jesus zu warten. Das hätten sie doch auch in Deutschland tun können.

Aber es wäre eben doch nicht das Gleiche gewesen. Kelpius hätte immer die Blicke der Nachbarn, des Pastors, des Bürgermeisters im Nacken gespürt. Die Erwartungen, so etwas Verrücktes nicht zu tun, auf jeden Fall nicht in der Öffentlichkeit, wären erdrückend gewesen. Für eine so radikale Aktion wie die seine und die seiner Anhänger braucht man ein gerüttelt Mass an Freiheit, und die findet man nur dort, wo die Zivilisation noch nicht eingekehrt ist - in der Wildnis eben ...

Es gibt heute weniger Wildnis als damals in der neuen Welt. Wo im 17. Jahrhundert Wälder voller Bären, Raubkatzen und wilder Truthähne fast den ganzen Kontinent bedeckten, wo Pelzjäger später in der Prärie nur wild um sich ballern mußten, um irgendeinen Büffel zu erwischen, wo wilde Tauben an manchen Orten der Ostküste den Himmel verdunkelten, da gibt es heute überall Millionenstädte und asphaltierte Strassen. Wo man einst monatelang auf keinen Menschen traf, keinem Gesetz gehorchte und keinem Landesherren Tribut zahlte, sind heute die Steuerformulare so kompliziert, dass man (wie in Deutschland) einen Steuerberater braucht, die Gesetze so undurchsichtig, dass keiner mehr weiss, was die Politiker da oben überhaupt wollen - und wer einen Polizisten falsch anguckt, kriegt Pfefferspray ins Gesicht.

In uns aber lebt die Wildnis weiter.

Auf der einen Seite die Realität einer korrupierten Zivilisation, auf der anderen die Utopie einer unberührten Natur, wo noch kein Gesetz herrscht - dieser Gegensatz steckt in jedem Amerikaner.

Deshalb findet man auch die wirklich extremen Spinner so häufig weit draussen im Wald, fernab der Zivilisation.

Während andere Völker ihre Wertschätzung der Natur dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie Wanderwege anlegen und sonntags in Goretex-Jacken durch die Wälder streifen, kaufen wir Amerikaner uns eine Schrotflinte, einen Sack Weizen sowie ein Survival-Handbuch und bauen eine Hütte in den Bergen, inklusive Windrad, Dieselgenerator und einem selbst gejagten Hirschbraten in der Gefriertruhe. Die amerikanische Liebe zur Natur ist oft keine Liebe zur Natur, sondern einfach Haß auf die Zivilisation.

Als der Mathematikprofessor Ted Kaczynski mit 27 Jahren zu dem Entschluß kam, dass mit Amerika etwas grundsätzlich schiefgelaufen sein musste, warf er alles hin und zog in die Berge von Montana. Von dort aus schickte er zwischen 1978 und 1995 etliche selbst gebastelte Bomben an 16 Universitäten und Fluglinien und tötete damit insgesamt drei Menschen. Bevor er geschnappt wurde, schaffte er es noch, ein verworrenes 50-seitiges Manifest in der New York Times zu veröffentlichen, in dem er darlegte, dass die Industrielle Revolution der Menschheit ihre Autonomie geraubt, ihre Beziehung zur Natur empfindlich beeinträchtigt und sie gezwungen habe, sich auf unnatürliche Art und Weise zu verhalten. Er forderte die gesamte Menschheit auf, sich gegen die Herrschaft der Technologie zu erheben.

Der "Unabomber", wie man ihn nannte, war zwar ein Versager, was das Ausrufen der Revolution anging, und ein Heuchler obendrein - um Technologie, Massenkommunikation und staatlichem Postsystem ein Ende zu setzen, griff er just zu diesen Dingen -, aber seine Sorge war eine ur-amerikanische: Tief im Herzen glauben wir, die Zivilisation sei unser Verderben. Die Freiheit, die wir meinen, ist nicht die Freiheit einer wohlgeordneten Gesellschaft, in der jeder tun darf, was er will, sondern die Freiheit, zu tun und zu lassen, was man will, weil es keine Gesellschaft gibt.

Auch Henry David Thoreau, ein weiterer Naturfreak, war ein Mann voller Widersprüche.

Er überredete seinen Freund, den Philosophen und Poeten Ralph Waldo Emerson, ihm ein Stück Land in dessen Wald zu überlassen, um zwei Jahre lang so weit weg von der Zivilisation zu leben wie nur möglich. Er wollte wissen, ob er ohne andere Menschen auskommen könnte, ohne Kultur und Stil und Status, die ganze Tretmühle also - und ob er ohne sie glücklicher wäre. Dann kehrte er in die Zivilisation zurück und verwandelte sein Experiment in eine Karriere, indem er Bücher darüber schrieb, vor allem Walden und Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat.

Thoreau lebte zur Zeit der raschen Industrialisierung der USA in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Viele sehen in ihm den Vater des Anarchismus. Er war es, der das Killerargument formulierte, man solle die Hoheit eines Staates nur dann anerkennen, wenn dieser in moralischer Hinsicht vollkommen ohne Fehl und Tadel wäre. Er war es auch, der den uramerikanischen Satz prägte: "Die beste Regierung ist die, die nicht regiert." Nicht nur Hippies und Linke lieben diesen Spruch, auch die erzkonservativen Republikaner bis hin zum ungebildeten Hillbilly, der nicht versteht, wieso er keine Waffe tragen darf, wenn jeder Soldat eine hat.

Thoreau machte salonfähig, was seine Landsleute schon immer wussten, aber längst nicht so elegant ausdrücken konnten: Es zeugt von Charakterstärke, die rigiden Strukturen der Gesellschaft hinter sich zu lassen und nur noch zu tun, wozu man Lust hat.

Aber auch er war ein Heuchler: Einerseits positionierte er sich als scharfer Zivilisationskritiker, andererseits konnte er nicht leben, ohne regelmäßig griechische und lateinische Literatur zu konsumieren, und er nörgelte über die tumben Dorfbewohner. Er pries die Einsamkeit, weil er so besser auf seine Seele hören könne, musste aber natürlich alle zwei Tage ins Dorf fahren, um den neuesten Klatsch und Tratsch nicht zu verpassen. Er verdammte Karrieristen, benutzte sein Experiment aber erfolgreich als Sprungbrett zu einer Karriere als philosophisch-gesellschaftskritischer Autor und kehrte sein Leben lang nie wieder in den Wald zurück.

Ausgerechnet diese Widersprüche machen ihn aber zum typischen Amerikaner: Er war voller Sehnsucht nach der Wildnis - und gleichzeitig ein Bändiger der Natur.

In den Siebzigern, als die Hippie-Rebellion auf die DiscoDekadenz traf, war der Untergang Amerikas bei uns zu Hause oft Thema häuslicher Diskussionen. Mein Vater machte sich große Sorgen über die Lage des Landes und empfahl uns Kindern ein Buch, das viele Väter ihren Kindern empfehlen: Verfall und Untergang des römischen Reiches von Edward Gibbon, ein Klassiker der englischen Geschichtsschreibung des 18. Jahrhunderts.

Meinem Vater waren die Parallelen zwischen den USA und Rom nicht verborgen geblieben. Er hatte als junger Mann den Untergang Europas im Zweiten Weltkrieg hautnah miterlebt und danach verfolgt, wie seine Heimat zu einer Supermacht wurde. Er wusste, wie schnell sie diese Position auch wieder verlieren konnte, und fragte sich immer wieder, was genau am Ende dazu führt, dass ein Weltreich untergeht. In Gibbons Buch über den Fall Roms und dessen Gründe fand er die Antwort: Dekadenz! Ginge das so weiter mit den verweichlichten "Seid-nett-zueinander"-Hippies und den Kokain schnupfenden Discokings, würde Amerika bald zu dekadent werden, um sich zu verteidigen, wenn die Barbaren eines Tages vor den Toren stünden.

Das Wort "Dekadenz" ist just ein Lieblingswort unter amerikanischen Kulturpessimisten, und jeder versteht es anders.

Im Weltbild der Rechten entsteht Dekadenz, wenn man die ur-amerikanischen Werte wie Eigenständigkeit, Geschäftstüchtigkeit, Gott und Familie vernachlässigt. Auch Waffenbesitz, voreheliche Enthaltsamkeit und die Todesstrafe gehören zu den guten alten Werten - sich montags krankzumelden, wenn man sonntags zu viel gesoffen hat, bei jedem Pups gleich zum Arzt zu rennen und überhaupt alles, was im Sündenbabel Hollywood passiert, dagegen nicht. Wenn Amerikaner nicht mehr ums Überleben kämpfen müßen, wenn keine Prioritäten mehr gesetzt werden und alles für einen getan wird, dann geht es mit den USA bald den Bach runter, so ihre Überzeugung.

Die Linken führen denselben Begriff im Munde, meinen aber etwas ganz anderes damit. Wenn es in Amerika nicht mehr möglich ist, so zu leben, wie man leben will, wenn sich alle anpassen müßen und die Gesellschaft das Individuum nur noch in Standardnorm-Ausführung akzeptiert, dann hat das Land seine ursprüngliche Bestimmung verloren und ist nicht mehr überlebensfähig. Zeichen hierfür sind in ihren Augen das Verbot von Homo-Ehe und Abtreibung sowie die Verteufelung des Atheismus - und wenn wir schon dabei sind, über Freiheit zu diskutieren, könnte man eigentlich auch gleich Haschisch legalisieren ...

Nur in einem Punkt sind sich alle einig: "Dekadenz" steht für die Über-Zivilisierung des Landes. Alle befürchten sie, dass wir zu viel Fortschritt gemacht haben, dass wir nicht mehr das sind, was wir vormals waren, als das Einzige, was wir mit dem Begriff "Staat" verbanden, die doofen britischen Steuereintreiber waren. "Dekadenz" bedeutet nichts anderes als den Verlust der inneren Wildnis.

Genau genommen hat unser Land ja auch nirgendwo anders als ... na ja, als mitten in der Wildnis entstehen können.

Es ist ein Rätsel, wieso die amerikanische Revolution gegen England 1776 eigentlich erfolgreich war. "Erfolgreich" bedeutet ja nicht bloß, dass man die Engländer tatsächlich zu schlagen vermochte. Die Frage ist doch auch: Wie konnte aus dieser Revolution ein erfolgreicher Staat hervorgehen?

Statistisch gesehen ist das nämlich die große Ausnahme. Die allermeisten Revolutionen enden in Chaos, Blutvergießen, Bürgerkrieg und Diktatur.

Nur in Amerika kam alles anders. Aus einer losen Verbindung von Kolonisten, die erst mal bloß auf ihr eigenes Wohl bedacht waren, entwickelte sich die erste funktionierende Demokratie der Neuzeit, die komplett ohne König und Adel auskam - und die hält nun schon über 200 Jahre.

Es kam nicht zum Terror. Weder Könige noch deren Ehefrauen wurden öffentlich enthauptet, weder Prinzen noch Prinzessinnen, ob ehelich oder unehelich, aus dem Land gejagt oder in den Knast gesteckt. Niemand sagte: "Hm, das Volk macht auch Fehler, das Gesocks muß erzogen werden, wir brauchen eine Geheimpolizei, Zensur und Wachen an der Grenze."

Eines der wichtigsten Ereignisse unserer Geschichte folgte acht Jahre nach Gründung der USA, als George Washington sich nicht zum "President for life" ausrief, was man durchaus befürchtet hatte, sondern sich nach zwei Amtszeiten nicht mehr zur Verfügung stellte. Erst da wurde uns klar, dass wir eine Demokratie bleiben würden.

Warum?

Weil all dies in einer gesellschaftlichen Wildnis stattfand. König, Adel, die ganzen verstaubten Traditionen, die verfestigten Interessengruppen saßen weit weg in England. Es gab so gut wie keine gesellschaftliche Oberschicht, deren Interessen akut gefährdet waren. Von der Französischen oder Russischen Revolution profitierten die unteren Schichten nur, wenn die oberen ausgeschaltet werden konnten. In Amerika jedoch profitierten die oberen wie die unteren Schichten gleichermaßen. In Frankreich und der Sowjetunion, aber auch in Kuba, im Iran und in den arabischen Diktaturen, stellten die Revoluzzer die neue Oberschicht, die dann bald genauso viel Angst vor der Unterschicht hatte wie ihre Vorgänger. Nicht bei uns: Die Oberschicht in England blieb Oberschicht in England, und die Oberschicht in Amerika blieb Oberschicht in Amerika. Dagegen hatte ja auch niemand was.

In der Sowjetunion wiederum gab es nur Platz für eine Idee - jeder konkurrierende Ansatz stellte eine Gefahr dar. Die Neue Welt jedoch bot Raum für alle möglichen Einfälle. Wer eine andere Vorstellung hatte, mußte nicht zum Konterrevolutionär werden und die Regierung stürzen, er zog einfach in die Wildnis und gründete seinen eigenen Staat. Der spielerische Austausch von Ideen ist in einer noch nicht in Konventionen erstarrten "gesellschaftlichen Wildnis" eben leichter möglich ...

Als George Washington, Thomas Jefferson, Benjamin Franklin, John Adams, Thomas Paine und die anderen Gründerväter sich 1776 dazu durchrangen, sich von England loszusagen, standen sie plötzlich vor der Aufgabe, aus dem Nichts einen neuen Staat nach eigenem Gutdünken aufzubauen. Dieses Privileg hatten die anderen großen Revolutionsführer der Welt nicht. Amerika war damals tatsächlich das unbeschriebene Blatt, die unbebaute Fläche, die Wildnis, die Goethe noch 1827 beschrieb:

Amerika, du hast es besser,
Als unser Kontinent, das Alte,
Hast keine verfallenen Schlösser
Und keine Basalte.
Dich stört nicht im Innern,
Zu lebendiger Zeit, Unnützes Erinnern
Und vergeblicher Streit.
Benutzt die Gegenwart mit Glück!

(Die Indianer mögen das vielleicht etwas anders gesehen haben, aber die sassen nicht im Parlament.)

In seinem Buch Myths America Lives by nennt Richard T. Hughes diese Freiheit nicht "Wildnis", sondern "den Mythos der natürlich entstandenen Nation":

"Im Kern", schreibt Hughes, "inspirierte dieser Mythos die Amerikaner, Geschichte und Tradition als Kräfte, die eine Nation formen, einfach zu ignorieren. Hier war eine Nation, die quasi direkt aus der Hand Gottes ins Leben gerufen wurde."

Oder, wie es der alte Revoluzzer Thomas Paine ausdrückte: "Auf einmal sind wir an dem Punkt angelangt, wo wir den Beginn eines Staates sehen können, als ob wir am Anfang der Zeit leben würden."

Das ist die innere Wildnis, die wir Amerikaner so lieben und wonach wir uns auch heute noch sehnen: Eine Welt ohne Geschichte und Tradition, ohne das erdrückende Gewicht einer Staatsmacht und ohne die nervigen Erwartungen unserer Nachbarn oder gar der internationalen Gemeinschaft. In unserer Vorstellung hört der Amerikaner in dem Moment auf, ein Amerikaner zu sein, wenn er erfolgreich zivilisiert ist.

Wer nun denkt, dies sei doch längst geschehen, braucht nur den Fernseher anzuschalten. Was man da bei uns zu sehen kriegt, beweist glasklar: Wir wollen gar nicht rational sein, wir wollen lieber auf die Pauke hauen, lieber eine gute Show geboten kriegen, lieber an einer völlig unmöglichen Hoffnung festhalten, selbst wenn wir tief im Innern wißen, dass wir gerade auf den größten Humbug hereinfallen.

Der heute in den USA sehr bekannte TV-Presenter Vince Offer wollte einst als Komiker groß rauskommen. Zu diesem Zweck drehte er mit eigenem Geld und sich selbst in der Hauptrolle seinen ersten Film: The Underground Comedy Movie. Manch ein Kritiker meint noch heute, dies sei die schlechteste Komödie aller Zeiten, allerdings sind das nur wenige, denn nur wenige haben den Film überhaupt gesehen.

Konfrontiert mit der harten Realität, dass sein Werk niemals die Bekanntschaft einer Leinwand machen würde, entdeckte Vince Offer das Infomercial. Er kaufte Zeit bei einem TV-Werbekanal, pries dort den eigenen Film an und verkaufte prompt 50.000 DVDs.

Komödie ist schwer, aber Infomercials - das konnte er. Allein, ihm fehlte das richtige Produkt. Da schaute er sich um, und sein Blick fiel auf eine der aufregendsten Erfindungen, die es je gegeben hat - das "ShamWow!". Schon der Name versprach alles - war sexy, mysteriös; und wie viele Waren gibt es schon, zu deren Bezeichnung ein eigenes Ausrufezeichen gehört?

Er drehte ein Infomercial darüber, kaufte sich Sendezeit und vertickte Millionen von den Teilen. Sein Erfolg machte ihn über Nacht zum Superstar. Talkshows rissen sich um ihn, Zeitungsartikel und Scharen von Wissenschaftlern diskutierten die Eigenschaften des Superdings, und Offer wurde damit zum Millionär. Was, fragen Sie mit Recht, ist denn nun aber ein "ShamWow!" - immerhin ein Produkt, welches das Wort "Nepp" ("sham") schon im Namen führt?

Nun, es ist nichts weiter als ein Küchentuch.

Die erste Begegnung mit amerikanischen Infomercials und solch schamlosen Verkaufsgenies wie Vince Offer versetzt Europäern oft einen Schock.

Uns nicht.

Wir lieben diesen hemmungslosen, unregulierten Wildwuchs. Und wir hassen es, wenn "die da oben" uns sagen, was gut für uns ist. Ja, man könnte behaupten, lieber fallen wir ab und zu auf irgendwelche Blender rein, als auch nur ein winziges bisschen in unserer Entscheidungsfreiheit beschnitten zu werden.

Ein Grund, weshalb so viele Amerikaner Ronald Reagan als Präsident mochten, war, dass er diese unsere "innere Wildnis" schützte und viele Regulierungen rückgängig machte. Er war es auch, der die Auflagen für Fernsehwerbung so weit lockerte, dass es keine zeitliche Begrenzung mehr für diese gab. Umgehend tauchten Kanäle auf, die ausschliesslich Werbung sendeten und Typen wie Vince Offer erst möglich machten.

Auch wenn diverse Verbraucherschutzgruppen sich seither redlich bemühen, den Infomercial-Gaunern das Handwerk zu legen, hat der Staat selbst also überhaupt erst die Voraussetzungen für deren Erfolg geschaffen. Damit war die Renaissance einer altehrwürdigen amerikanischen Tradition eingeläutet, die im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm: die des Klapperschlangenölverkäufers.

1892 wurde der 400. Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus begangen. Um diesen Tag zu feiern, plante das Land die größte, teuerste und spektakulärste Selbstbeweihräucherung aller Zeiten. Die "World's Columbian Exposition" war sechs Monate lang die größte Publikumsmesse, die das Land je gesehen hatte. Es handelte sich um ein Fest der Superlative, angefangen damit, dass das komplette Gelände mit diesem neumodischen Strom versorgt wurde. Im elektrischen Licht konnte man nachts noch die Nachbildungen der Schiffe bewundern, auf denen die Männer reisten, die Amerika entdeckten - die Santa Maria, die Nina und die Pinta sowie ein Wikingerschiff. Ganz zu schweigen vom ersten großen mechanischen Riesenrad.

Auf großen und kleinen Bühnen wurden Neuheiten präsentiert, die die meisten Amerikaner noch nie gesehen hatten: Hier begann der Siegeszug des Hamburgers ebenso wie der einer ganzen Reihe zahnfeindlichen Junkfoods, von der Hershey-Schokolade über das Kaugummi "Juicy Fruit" und das karamellisierte Popcorn "Cracker Jack" bis hin zu den ersten Frühstücks-Cerealien. Hier hörten die meisten Menschen zum ersten Mal Ragtime von Scott Joplin und sahen ihren ersten Hula-Hoop-Reifen. Die Vorstufe zum Reissverschluß wurde gleichfalls einer staunenden Öffentlichkeit vorgestellt.

Auf einer der vielen Bühnen trat auch Clark Stanley auf. Er sah schon recht exotisch aus: ein Mann in bunter Cowboykluft mitsamt Hut, Stiefeln und Revolver.

Und er wußte ihn zu benutzen: Vor den Augen entsetzter Zuschauer ließ er eine Käfigladung Klapperschlangen auf der Bühne frei und knallte sie eine nach der anderen ab.

Jetzt hatte er die Aufmerksamkeit des Publikums gewonnen. Er nahm also die Reptilienleichen und quetschte vor der gebannten Menge das Öl aus den Kadavern in eine Glasschale. Wie man Öl aus einem Klapperschlangenleichnam herausquetscht, weiß ich auch nicht, aber zumindest behauptete Stanley, genau dies da oben zu tun. Dann kippte er einige weitere geheime Zutaten in die Schale und verkündete, als er fertig war, die Herstellung eines Wunderheilmittels: Klapperschlangenöl!

Das Klapperschlangenöl des Clark Stanley konnte Frostbeulen heilen sowie blaue Flecken, Halsweh, Tier-, Insektenund Reptilienbisse, ja sogar Rheuma lindern, ach was, es konnte jedes erdenkliche Leiden zum Verschwinden bringen, es konnte Schmerzen bei "Mensch und Vieh" geradezu "zerstören". Und das Beste: Es kostete nur 50 Cent pro Flasche.

Nicht alles, was Clark Stanley behauptete, war gelogen. Er hatte tatsächlich einige Jahre als Cowboy gearbeitet. Ob er allerdings wirklich zwei Jahre lang unter den Hopi-Indianern in Arizona lebte und dort den mystischen Schlangentanz und das Geheimnis des Klapperschlangenöls kennenlernte, ist unklar, aber es könnte schon so gewesen sein. Es stimmt schon, dass manche Indianerstämme Klapperschlangenöl als Heilmittel schätzten, so wie die Chinesen.

Jetzt aber entdeckten auch die Amerikaner Klapperschlangenöl, und Clark Stanley wurde reich. Es war der Beginn eines seltsamen, ur-amerikanischen Widerspruchs, der wie für Betrüger gemacht war: Einerseits sah man Indianer als unverbesserliche, ungebildete und ungläubige Primitive an, die niemals zivilisiert werden könnten; andererseits glaubte man sofort, dass sie irgendwelche mystischen Heilkenntnisse besassen, von denen die moderne Medizin nur träumen konnte. Während die Kavallerie im Westen Indianer jagte, kaufte man im Osten Medizin: "Dr. Morse's Indian Root Pills", "Kickapoo Indian Sagwa", "Monster Brand Snake Oil" und anderes mehr.

Es sollte über 20 Jahre dauern, bis die staatlichen Behörden Clark Stanleys "snake oil" genauer untersuchten. Erst mit dem "Pure Food and Drug Act", der ab 1906 die Inhaltsstoffe von Medizin regulieren und genau solche Leute wie Mr. Stanley aus dem Verkehr ziehen sollte, um das Volk vor seiner eigenen Dummheit zu schützen, tat sich langsam etwas.

1917 griffen die Behörden dann endlich zu. Sie konfiszierten eine Ladung seines "snake oils" und stellten fest, dass es tatsächlich aus Öl bestand - und zwar aus Mineralöl mit ein wenig Chili und einem Hauch von Terpentin, um den typischen Medizingeruch hervorzurufen.

Mannomann, waren die Behörden auf Clark Stanley wütend. Er muß gezittert haben. Auf einmal spürte er die ganze Wucht der Regulierungsbehörden der Vereinigten Staaten - und mußte 20 Dollar Strafe zahlen.

Man könnte fast behaupten, die amerikanischen Behörden waren letztlich gar nicht so bedrohlich, wie man sie sich gewünscht hätte. Damit hätte man auch recht. Zu ihrer Verteidigung kann man jedoch anführen, dass sie allerhand zu tun hatten. Denn bis die Regierung endlich auf die Idee kam, gefährliche medizinische Betrügereien ein klein wenig einzudämmen, war die Produktpalette von Clark Stanleys Konkurrenten bereits explodiert:

Medizin auf Basis von Opium wurde verkauft, um temperamentvolle Kinder ruhigzustellen; ADHS war also wohl schon vor der Erfindung von Ritalin ein drängendes Problem. Ein besonders erfrischender Schnupftabak enthielt Kokain.

Bald nach der "Columbian Exposition" verbreitete sich die Elektrizität durch die Staaten wie heute der iPod. Man kaufte futuristische Schuheinlagen, die elektromagnetische Impulse in die Füsse jagten, und stimulierende Elektro-Mützen, die versprachen, Männer endlich von ihren Glatzen zu befreien.

Als Strom zum alten Hut wurde, entdeckte man radioaktive Strahlung: "Radithor" war mit Radium angereichertes Wasser und wurde von dem falschen Arzt und Harvard-Abbrecher William J.A. Bailey als Heilmittel gegen etliche Leiden von Geisteskrankheit bis Kopfschmerzen verkauft. Der kranke Stahlerbe Eben Byers trank 1.400 Flaschen des leckeren Atommüllgetränks. Als sein Kiefer vermutlich schon im Dunkeln leuchtete, entfernte man diesen, aber das half auch nichts mehr. Er starb 1932.

Zu seiner Entschuldigung könnte man anbringen, dass kein Mensch damals von den Nebenwirkungen der Radioaktivität wußte, aber das wäre nicht ganz richtig: Der Nobelpreisträger Hermann Joseph Muller veröffentlichte schon 1927 den Beweis, dass diese Strahlung lebensgefährlich ist. Byers wurde entsprechend in einem Bleisarg beerdigt, und das Wall Street Journal titelte: "Das Radiumwasser funktionierte prima, bis sein Kiefer abfiel."

Trotzdem konnte man Bailey nichts anhaben. Im Gegenteil: Obwohl die Behörden ihn den Rest seines Lebens jagten, machte er ein neues Geschäft nach dem anderen auf und verkaufte radioaktive Gürtelanhänger, fluoreszierende Papierbeschwerer und strahlungsverseuchtes Wasser für Männer mit Potenzproblemen. Er starb als reicher Mann - und kein bisschen atomverseucht.

Heutzutage ist der Einfluss unserer Regulierungsbehörden wie zum Beispiel der "Food and Drug Administration" (FDA), die unter anderem Medikamente zuläßt, natürlich größer. Sie sind sogar in der Lage, radioaktive Medizin, Kokainund Heroin-Mixturen sowie rein aus Mineralöl bestehende Medikamente vom Markt zu werfen. Das wäre auch toll, wenn diese Ingredienzien heute noch Verwendung fänden. Mittlerweile sind jedoch ganz andere zwielichtige Mittelchen en vogue, zum Beispiel ein Kraut namens Meerträubel oder Ephedra.

Kaum fanden sich ernst zu nehmende Hinweise, dass Meerträubel beim Abnehmen helfe, wurde schon eine ganze Reihe von Meerträubel-Abnehmpillen auf den Markt geworfen. Die Leute rissen sie sich förmlich aus der Hand. Dann tauchten ebenso ernst zu nehmende Hinweise auf, dass Meerträubel auch unangenehme Nebenwirkungen hervorrufe, einschliesslich der Kleinigkeiten Herzinfarkt, Schlaganfall und Tod. Was allerdings am Gewichtsverlust selbst nichts ändert.

Die Meerträubel-Pillen-Industrie trat sofort verantwortungsbewußt auf den Plan und rief umgehend eine kostspielige "Aufklärungskampagne" ins Leben, in der die Nebenwirkungen als lächerlich gering eingestuft wurden. Je mehr die negativen Hinweise sich häuften, umso eifriger wurde aufgeklärt. Als herauskam, dass die Firma Metabolife 14.000 schriftliche Klagen wegen gefährlicher Nebenwirkungen erhalten und dies weder der FDA noch während der offiziellen Untersuchung durch den Kongress irgendwem gemeldet hatte, mußte der Chef von Metabolife, das inzwischen vier Millionen Dollar in so genannte Aufklärung investiert hatte, in den Knast.

Allerdings hatte die FDA bis dahin die Untersuchungen eingestellt. Der Grund: Meerträubel sei keine Medizin, sondern ein Kraut, also ein Lebensmittel, dessen Verbreitung nicht reguliert werden müße. Man verbiete ja auch Pfeffer nicht.

Drei Jahre später starb dann der Baseballspieler Steve Bechler, der bei den Baltimore Orioles in Diensten stand, nach einem Hitzschlag. Bei der Obduktion wurde festgestellt, dass die Einnahme von Meerträubel eine signifikante Rolle bei seinem Tod gespielt hatte.

In Amerika ist der Tod eines Baseballspielers nun natürlich eine ernsthafte Sache. Die FDA wurde böse, richtig böse. Selbst der Kongress, selbst diejenigen im Kongress, deren Kinder beruflich mit den Herstellern von Meerträubel zu tun hatten und die bis dahin Meerträubel mit Herz und Seele verteidigt hatten, wurden böse. Endlich wurde Meerträubel verboten.

Laut Dan Hurley werden heute in den USA jährlich Nahrungsergänzungsmittel im Wert von 21 Milliarden Dollar verkauft, die nicht in den Kontrollbereich der Regierungsbehörden fallen. Das heißt, keiner überprüft ihre Wirksamkeit, und niemand informiert die Verbraucher, dass es sich nicht um echte Wundermittelchen handelt, sondern um - "snake oil".

Grund hierfür ist, dass es die amerikanische Gesetzgebung nicht als ihre Aufgabe ansieht, uns vor unserer eigenen Dummheit zu schützen, sondern lediglich, uns davor zu bewahren, an unserer eigenen Dummheit zu krepieren. Dieser feine Unterschied markiert die kaum wahrnehmbare Grenze zwischen Zuständigkeit und Nicht-Zuständigkeit unseres Staates. Heroin verbieten - das muß der Staat. Aber wirkungslose Zuckerkügelchen zu untersagen, die als Verjüngungskur, als Mittel zur Potenzstärkung oder gar als Heilmittel gegen Krebs angeboten werden - das geht zu weit!

Sicher, könnte man eindeutig beweisen, dass die Hersteller dieser Nahrungsergänzungsmittel bewußt betrügen - dass sie also genau wissen, was sie tun -, könnte man einen Prozess gegen sie anstrengen. Nur leider ist das schwer nachzuweisen. Man kann höchstens aufzeigen, dass die Mittel selbst wirkungslos sind, nicht aber, dass der Verkäufer das weiß. Und uns vor wirkungslosen Mitteln zu schützen, ist eben nicht Aufgabe der Regierung.

Das wäre ja so, als würde man Dummheit verbieten wollen. Dumm zu sein aber ist das Recht eines jeden Amerikaners, und das lassen wir uns nicht nehmen!

Einige Bemerkungen zu "Planet America".
Ich gehe schnell in die Defensive, wenn man Amerika kritisiert. Eines Tages wurde Astrid deswegen wütend: "Warum findest du immer Ausreden? Warum antwortest du nicht einfach ehrlich auf unsere Fragen und gibst zu, dass es neben dem Guten auch Schlechtes gibt?"
 
"Was für Fragen?" sagte ich.
 
Fünf Minuten später hatte ich eine Liste von rund 30 Fragen auf dem Tisch. Die meisten konnte ich nicht ohne Recherche beantworten. Und manche Antworten überraschten mich selber. So entstand das Buch.
 
Kauft das Buch!
 
Home Über mich Bücher Journalist Astrid Ule Texte News US Shop Facebook KontaKt