Die Kunst des Nölens, Merkerns, Moserns und Jammerns.
Alle meckern, aber niemand tut es so schön, konsequent, fantasievoll, elegant und auf so hohem Niveau wie die Deutschen. Einmal wollte ich alle Facetten dieses wundersamen kulturellen Phänomens durchleuchten: Historisch, literarisch, psychologisch, persönlich, politisch und sexuell. Welch süße Qual!
Aus dem Buch.

Kapitel Zwei
Der Nebel des Nörgelns

Das deutsche Gesamtmeckervolumen im internationalen Vergleich
 

 
Jeder kennt es. Und wer es nicht selbst erlebt hat, hat es von anderen gehört: Man hat gerade den Urlaub seines Lebens hinter sich. Eine Woche New York. Diese vibrierende Stadt, die selbst im letzten Landei das Gefühl weckt, alles sei möglich, wenn man sich nur traut; diese Stadt, die irgendein längst vergessenes Mach-Was-Hormon freisetzt; wo jeder, auch der Ängstlichste, der Vorsichtigste das dringende Bedürfnis verspürt, sich in den Trubel zu stürzen, endlich das eigene Ding durchzuziehen und zu gucken, ob die anderen New Yorker, diese Leute, die allesamt vom Lockruf des Möglichen angetrieben werden, einen mit Applaus oder Hohn belohnen werden.

Noch auf dem Rückflug nach Deutschland ist man zappelig und voller Energie, man will zu Hause die alten Träume umsetzen, was auf die Beine stellen, kann nicht erwarten, endlich damit anzufangen. Dann die Landung, in Berlin, in München, in Hamburg, Frankfurt am Main. Man steigt aus, hört die Durchsagen im Flughafen, macht ein paar Schritte durch die geschäftigen Straßen, atmet ein - und weg ist es. Es ist einem vorher noch nie aufgefallen, aber hier ist alles anders. Irgendwie ..., sagen wir bedächtiger. Hier gehen die Leute sparsam mit ihrer Energie um. Sie halten sich zurück und behalten ihre Gedanken für sich, sie gucken ernst, sie sprechen nicht miteinander, keiner wartet auf neue Ideen, im Gegenteil, man will damit in Ruhe gelassen werden. Statt Aufregung liegt etwas anderes in der Luft. Das ist der Nebel des Nörgelns.

"Das kenne ich", sagte Elisabete Köninger aus Stuttgart am Telefon. Köninger ist Brasilianerin, Übersetzerin, Dolmetscherin, Nörgelkennerin und lebt seit 25 Jahren in Deutschland. Sie ist mit einem Deutschen verheiratet, spricht mittlerweile mit einem schwäbischen Akzent, und als wir miteinander telefonierten, musste sie immer wieder lachen. "Ich besuche Brasilien, dann fliege ich nach Deutschland zurück, und ich komme mit viel Energie an, aber plötzlich ist die Energie weg. Diesmal war ich länger in Brasilien und habe es deutlich gemerkt. Dort herrscht Aufbruchsstimmung. Die Leute haben das Gefühl, die Finanzkrise sei schon vorbei. Man schaut auf das neue Jahr mit der Zuversicht, dass gute Dinge auf uns zukommen. Hier ist es genau umkehrt. Hier habe ich den Eindruck, wenn man was Neues anfangen will, sagt jeder: 'Ja, aber in dieser Zeit? Überleg dir das lieber zweimal.'"

Dora Bravin ist ebenfalls Brasilianerin, mit einem deutschen Mann verheiratet und lebt in Berlin. Als sie hörte, dass ich mehr über den Nebel des Nörgelns wissen wollte, wurde sie ganz aufgeregt und meinte, wir müssten uns auf einen Wein in ihrem Stamm-Restaurant Archimboldo treffen.

"Es war immer mein Traum, eine Sambaschule zu eröffnen", erzählte sie. "Und als ich es dann tatsächlich tat, sagte mein Mann: 'Du hast zu wenig Schüler und musst auch noch arbeiten, wie willst du das schaffen?' Als er dann sah, dass es funktionierte, war er dabei. Vorher war es 'meine' Schule, nachher war es 'unsere'. Auch als ich beschlossen habe, mich als Pflegerin selbständig zu machen, meinte er, 'das schaffst du nicht'. Anfangs war es auch schwer, aber nur wegen des Papierkrams. Es gibt sehr viel Papierkram in Deutschland. Jetzt bin ich seit 2004 selbständige Pflegerin. Und trotzdem. Wann immer ich etwas Neues machen will, sagt mein Mann: 'Was bringt dir das?'. Und ich antworte: 'Eine neue Erfahrung.'"

Man muss kein Ausländer sein, um den Nebel des Nörgelns wahrzunehmen. Der Filmemacher und Journalist Tim H. erzählte von einem gewissen Wilfried Merle, über den er einen Dokumentarfilm gedreht hatte. "Das war ein wirklich interessanter Typ", erinnerte sich Tim. "Anfang der Sechziger ging er als Entwicklungshelfer nach Venezuela und hat in den Slums gearbeitet. In dieser Zeit sind zwei seiner Kinder an simplen Kinderkrankheiten gestorben - an Krankheiten, die in Deutschland ganz leicht geheilt worden wären. Da hat er sich mit seiner Frau hingesetzt und gesagt, das geht nicht. Das können wir unserer Familie - sie hatten noch drei Kinder - nicht antun. Sie kamen nach Deutschland zurück und übernahmen von den Schwiegereltern eine Weinkneipe. Aber er hatte schon fast zwanzig Jahre in einer anderen Kultur gelebt, und er konnte dieses ständige Nörgeln nicht aushalten. Eines Tages hat irgendein zehnjähriges, völlig verfettetes Kind sich beschwert, dass die Nudeln nicht durch waren. Da ist ihm der Kragen geplatzt. 'Das hier ist auch nicht der richtige Platz für meine Kinder', sagte er, und ist zurückgegangen und hat die venezolanische Staatsbürgerschaft angenommen."

Warum ist Deutschland so reichlich mit dem Nebel des Nörgelns beschenkt worden?

Ich rief einige Freunde und Bekannte an, alles Ausländer, die schon länger hier leben und eine Vergleichsmöglichkeit hatten, und fragte sie, ob man in ihrer Heimat ebenso gern mault und nölt wie hierzulande.

"Es gibt eine Art Basismeckern in Deutschland", beschrieb es der Kanadier Scott Roxborough, Journalist bei der Deutschen Welle. "Eine grundsätzliche Missbilligung von ... na ja, von allem. Es ist nicht unbedingt so, dass man unglücklich ist - nur, dass man niemals erwarten würde, dass etwas Gutes passiert. Es ist diese Einstellung: 'Ich bin nicht so dumm, zu glauben, dass alles gut gehen könnte. Ich lasse mich nicht von dir verarschen, Welt.'"

Sachiko N., japanische Künstlerin und Büroangestellte in Berlin, war überrascht zu erfahren, was einen Deutschen alles verstimmen kann. "Deutsche ärgern sich sogar, wenn wir Japaner zu oft 'Danke' sagen", erzählte sie, als wir uns auf ein Bier im Seidls trafen. "Das tun wir aus Gewohnheit. Ich versuche, es abzustellen, aber es passiert mir ständig. Ich sage 'Danke', und sie korrigieren mich. Sie sagen, 'du sollst nicht so viel Danke sagen'. Dann antworte ich, 'oh, Entschuldigung!', und dann ärgern sie sich auch darüber."

Deutsche sind so sehr von der Unentbehrlichkeit des Meckerns überzeugt, dass sie es gelegentlich sogar ins Ausland zu exportieren versuchen.

"Ich bin mal mit meiner Frau an den Gardasee gefahren" erzählte Francesco D'Angelo, der schwäbisch-italienische Betreiber des kleinen, aber feinen italienischen Stehbistros in der Kolonnenstraße in Berlin, als ich ihn eines Tages mit der Frage konfrontierte, ob Italiener anders nörgeln als Deutsche. "Wir wollten mit der Fähre über den See und standen in der Schlange, um Karten für das Schiff zu kaufen. Vor mir stand eine deutsche Familie und vor ihnen eine englische. Die Briten stellten dem Mann am Ticketschalter tausend komplizierte Fragen und brauchten so lange, dass das Schiff inzwischen abfuhr. Es hieß also fünfundvierzig Minuten warten, bis die nächste Fähre kommen würde. Die englische Familie fluchte: 'Shit, shit, shit!' Aber wer wirklich aufgeregt war, das waren die Deutschen: 'Doofe Engländer! Typisch italienisch hier! Wie konnten die nur ohne uns abfahren? Die sehen doch, dass wir warten!' Meine Frau und ich fanden das ganz normal: Das Schiff fuhr nach Fahrplan ab. Wir gingen also bis zur nächsten Abfahrt in aller Ruhe einen Cappuccino trinken. Vom Café aus hatten wir einen tollen Blick über den See, es war prima Wetter. Wir nahmen dann die nächste Fähre. Die Deutschen waren mit an Bord, und sie schimpften immer noch über die Engländer. Das war inzwischen fünfundvierzig Minuten her."

Über den ausgeprägten deutschen Nörgelnebel hatte mein Ausländer-Expertenausschuss einige Theorien.

"Es ist eine Frage der Werte", vermutete die Neuseeländerin Victoria J. per Telefon aus München. "In Deutschland ist Meckern ein Zeichen von Intelligenz. In Neuseeland ist es bloß ein Zeichen, dass du schlecht erzogen bist."

"Es steht hier nicht nur für Intelligenz, sondern auch für Durchsetzungsvermögen und überhaupt für eine starke Persönlichkeit", stimmte ihr Scott zu. "Für uns ist Meckern Aggression, und das ist in Kanada nicht positiv. Wir lernen, dass wir immer versuchen sollen, nett zu sein. Von uns Kanadiern sagt man ja, dass wir uns sogar entschuldigen, wenn wir in einen Baum reinlaufen. So ist es überall in der englischsprachigen Welt. Das kommt aus Großbritannien. Es ist diese Sache mit der stiff upper lip. Wer sich beklagt, zeigt, dass er nicht allein mit der Situation zurechtkommt. Er zeigt Schwäche. Für Deutsche ist das umgekehrt: Wer nett und glücklich ist, ist geistig irgendwie zurückgeblieben, er sieht die Dinge nicht, wie sie wirklich sind."

"Als ich hierher kam, dachte ich lange, die Deutschen sind aber kindisch", lachte Sachiko N. "Weil sie so schnell sagen, 'das ist Scheiße', und sich ihrer schlechten Laune überlassen. In Japan dürfen das nur Kinder. Bei den Deutschen sieht man sofort, wenn einer schlechte Laune hat. Selbst die Politiker in Deutschland sind wie Kinder. Sie zeigen sich sehr emotional, sie haben sehr wenig Kontrolle über sich. In den Talkshows im Fernsehen streiten sie miteinander, sie unterbrechen sich, und wenn einer seinen Satz zu Ende sprechen will, muss er sagen: 'Jetzt hören Sie mal zu, lassen Sie mich ausreden.' Als ich das zum ersten Mal sah, war es spannend, weil ich mitgekriegt habe, dass es Krach gibt. Ich war schockiert."

Carrie D. ist kanadische Journalistin und lebt in Berlin, wo wir uns auf einer lauten Silvesterparty zwischen zwei Martinis begegneten. "Mein Mann ist halb deutsch, halb britisch und zum größten Teil hier aufgewachsen", erzählte sie. "Er meint immer, ich muss in Deutschland lernen, zu meckern, wenn ich hier überleben will. Das zeigt den Leuten, dass du stark bist. Das ganze kanadische Zeugs mit dem nett und höflich sein, das legen Deutsche dir als Schwäche aus. Wenn du was erreichen willst, musst du dich beschweren. Mein Mann meckert über Kleinigkeiten wie das Essen im Restaurant, und er kann sich über Politik sehr aufregen. Und in Behörden. Ich bin da anders. Meine Mutter sagte immer, man kann mehr Fliegen mit Honig fangen als mit einer Fliegenklatsche. Ich habe probiert, mich zu beschweren und zu schimpfen, und es stimmt wirklich, was mein Mann sagt - es bringt was. Die Leute reagieren. Nur, das widerspricht allem, was ich sein will."

Sie ist nicht allein - jeder, der von woanders her nach Deutschland kommt und hier überleben will, muss sich früher oder später mit der Frage auseinandersetzen: Schließe ich mich dem Lockruf des Nörgelns an oder leiste ich Widerstand?

"Ich weiß gar nicht, welche Art besser ist. Ich habe inzwischen gelernt, mich etwas deutscher zu verhalten, und ich finde es nicht schlecht", gestand Scott. "Man hält nichts zurück. Die Deutschen halten sich für sehr vernünftig und friedliebend, aber in Wahrheit pflegen sie eine sehr aggressive Kultur. Jetzt kann auch ich die Leute in den Läden anschreien, und das ist schon eine Befreiung."

Allerdings soll das nicht heißen, dass andere Länder gar nicht nörgeln. Im Gegenteil, es scheint da noch einiges zu geben, was sich die Deutschen bei anderen abgucken können.

"Die Deutschen sind nichts im Vergleich zu den Spaniern!", sagte Felix W. begeistert. Ihn rief ich an, weil er Dolmetscher bei der Europäischen Union in Brüssel ist und tagtäglich in den Genuss einer aufregenden Kakophonie von multinationalem Genörgel kommt. "Sie haben so eine Art, wie sie sich in Kleinigkeiten reinsteigern. Der Mythos ist, dass die mediterranen Völker immer so gut drauf sind, aber in den Fahrstühlen in Brüssel fällt mir auf, wie sie sich aufplustern und alles unmöglich finden. Sie haben eine universale Art, sich aufzuregen: 'Como es posible que nos hacen eso?' (Wie ist es ist möglich, dass man uns wieder so was antut?). Das ist eine Klage, die in den Raum hinein gebellt wird, ohne dass man das konkretisieren kann, ein missmutiges Aufheulen, wie ein Ventil, das plötzlich pfeift."

"Ach was", spottete die englisch-, italienisch-, deutschsprachige Französin Brigitte Le Gouez, Dozentin beziehungsweise Maître de conference an der Sorbonne, als sie in ihrem engen Zeitplan eine Lücke für ein Telefonat mit mir über einen deutsch-mediterranen Meckervergleich fand, "die Franzosen sind sehr viel besser im kritisieren, ärgern und schimpfen als die Deutschen. Weil sie nicht groß darüber nachdenken, wie sie sich in der Öffentlichkeit korrekt benehmen. Zumindest trifft das für die Pariser zu. Das Leben in Paris ist härter als in Berlin, und das, obwohl Berlin eine ärmere Stadt ist. Der Umgangston in Berlin ist entspannter. Die Pariser sind immer sehr nervös und eigentlich stets bereit zu explodieren. Sie stehen immer unter Druck. Wir haben diesen Witz: Wie lange dauert eine Sekunde? Das ist die Zeit zwischen dem Moment, wo die Ampel grün wird, und der Typ hinter dir anfängt zu hupen."

Felix W. dagegen, mit einer Französin verheiratet, bewundert die Franzosen ob ihres Nörgelns. "In Frankreich kann man sich mit geistreichem Nörgeln interessant machen", schwärmte er. "Das ist die Pose des kritischen Intellektuellen."

"Aber machen das die Deutschen nicht genauso?", fragte ich. "Ich kenne keinen deutschen Intellektuellen, der nicht ständig versucht, sich intelligenter zu machen, indem er alles bekrittelt."

"Ha! Das kriegen aber die Deutschen nicht so gut hin wie die Franzosen", meinte Felix. "Das französische Nörgeln hat was Theatralisches. Es explodiert und knallt und sprüht Funken, und dann ist es wieder weg. Das deutsche Nörgeln dagegen bleibt." Er seufzte.

In Italien, so Brigitte, meckert man zwar weniger als in Deutschland, das heißt aber nicht, dass man sein Missfallen nicht auszudrücken weiß: Wer nicht ins Schema passt, wird einfach ignoriert. "In Italien ist es nicht wichtig, wie viel Geld du hast, solange du nach Geld aussiehst. Hauptsache, man macht eine bella figura. In Deutschland ist das nicht so wichtig. Auch reiche Deutsche kleiden sich schlicht, und das ist egal. Als ich zwanzig war, hatte ich eine gute Freundin in Florenz, sie stammt aus einer sehr vornehmen Familie. Wir gingen zusammen shoppen, und es war ihr total peinlich, dass ich mit einer Plastiktüte loszog und nicht mit einer Lederhandtasche. In Deutschland ist so was nicht so wichtig. Frankreich liegt irgendwo dazwischen: Plastiktüte ist okay, aber es sollte schon eine Chanel-Tüte sein."

Wenn man in anderen Ländern auch gern und ausgiebig lamentiert, warum hängt der Nebel des Nörgelns so hartnäckig nur über deutschen Köpfen herum?

Vielleicht nörgeln die Deutschen einfach anders.

"Die Deutschen sind ernster dabei", meinte Elisabete Köninger. "Wir Brasilianer nörgeln auch gerne, aber es ist nur ein kurzes Aufflackern- wir vergessen es dann schnell wieder."

"Die Italiener motzen nur, wenn es einen konkreten Anlass gibt", warf D'Angelo ein. "Die Italiener meckern auch nicht darüber, dass sie meckern. Zum Beispiel Berlusconi - wir schimpfen über ihn, aber immerhin funktioniert seine Regierung, und wir gehen sowieso davon aus, dass alle Politiker Verbrecher sind, also wählen wir ihn auch. Was soll's?"

Ich traf mich mit Sonia Vea, Tonganerin, Künstlerin und Lebenskünstlerin in Berlin, zu einem Teller Chili con Carne in dem kleinen Café Ess Eins in Schöneberg, und sie erzählte mir vom Meckern im Paradies.

"Deutsche können sich über alles beschweren", amüsierte sie sich. "Über den Kellner, über die Nachbarn, wenn die Kinder auf der Couch rumspringen. Und vor allem, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Man muss innerhalb der Markierung parken. Man muss die Gebrauchsanweisungen genau befolgen, wenn man einen neuen Fernseher kauft. Für uns Polynesier ist all das nicht wichtig. Wir meckern erst, wenn jemand uns umbringen will. Dann fangen wir an, uns Sorgen zu machen."

"Komm schon, irgendwas muss euch doch auch mal ärgern", sagte ich.

"Na ja", überlegte sie. "Wenn eine Samoanerin oder eine Tonganerin einen Deutschen heiratet, stellt sie schnell fest, dass der europäische Mann mehr für seine Freunde tut als für die Liebe. Das ist ein Grund, warum die Mädchen aus Tonga oder Samoa meckern. Dass er immer vor dem Computer sitzt. Dass er nicht heißblütig ist. Dass sie es nicht wirklich mögen - du weißt schon. Jedenfalls nicht so oft."

Das reichte mir schon, aber Sonia kam gerade in Fahrt.

"In Tonga schimpfen die Frauen meist nur, wenn die Männer anderen Frauen nachgucken. Und in Samoa nörgeln die Frauen, wenn die Männer nicht zur Arbeit gehen oder nicht kochen. Dort kochen die Männer, nicht die Frauen. Das ist Tradition. Wenn eine Frau einen europäischen Mann heiratet, dann jammert sie oft, dass er ihre Familie nicht finanziell unterstützen will, und er beschwert sich, weil er das Gefühl hat, er soll wohl für ihre ganze Familie aufkommen. Aber so ist das eben bei uns. Man heiratet die ganze Familie."

"Du musst das Leben hier hassen", vermutete ich.

"Ich habe keinen Grund zu klagen", sagte sie und grinste. "Ich bin glücklich hier, weil ich gelernt habe, zu überleben, wenn es schneit. Das ist etwas, wovon die Leute zu Hause niemals wissen werden, wie das geht."

Sonia mit ihren langen schwarzen Locken sitzt immer irgendwie der Schalk im Nacken. Ich bin sicher, als sie damals über Frankreich nach Deutschland auswanderte, gehörte es nicht zu ihrem ursprünglichen Plan, in einem Land zu leben, in dem es bis zu 50 Grad kälter ist als in ihrer Heimat.

"Auf jeden Fall beklagt ihr euch auf Tonga nicht über das Wetter", scherzte ich.

"Och, das kommt schon vor", meinte sie und rührte in ihrem heißen Tee. "Wenn der Hurrikan kommt, zum Beispiel."

Das Meckern anderer Völker kann zeitweilig so andersartig sein, dass man als Deutscher gar nicht in der Lage ist, es als Kritik zu identifizieren.

"Wir haben mal in im Gemeindehaus eine Versammlung unter Kollegen gehabt, und ich habe den Tisch mit ein paar Getränken und Keksen und so eingedeckt", erzählte Teresa U., Pfarrerin aus Gelsenkirchen. "Die Sachen habe ich nicht besonders schön ausgelegt, es sah ein bisschen jugendherbergsmäßig aus. Hätte ein Westfale einen Kommentar abgegeben, wäre es so was gewesen wie: 'Also mit der Ästhetik hast du es wohl nicht so'. Es war aber eine Österreicherin, die hinterher etwas dazu gesagt hat: 'Ja, so ein schön gedeckter Tisch, wo alles zusammenpasst, ist schon was Gutes.' Erst als sie weg war, verstand ich, dass es gar kein Kompliment war."

Auch die Schweizer nörgeln so, dass man es auf Anhieb gar nicht erkennt - mit Zeitverzögerung sozusagen. Vielleicht, weil man in so engen Tälern nicht so schnell weglaufen kann.

"Ich war einem Streichorchester in Luzern beigetreten und schon bei zwei Projekten dabei", sagte Werner S., der aus Bielefeld kommt, aber seit einiger Zeit berufsbedingt in der Schweiz lebt. "Aber dieser Mensch lernte mich erst in diesem Projekt kennen, obwohl er eigentlich langjähriges Orchestermitglied war. Das neue Projekt war schwierig - es ging um Hindemith - , es gab sehr viele Diskussionen und viele Meinungen, was man tun sollte, und ich hatte auch eine. In der Pause hat er mich dann angesprochen, ob ich neu dabei sei. Er selbst sei schon seit vielen Jahren dabei, deswegen würde er sich auch erlauben, ab und zu mitzureden. Erst hinterher dämmerte mir, dass er mir sagen wollte, du bist ja ganz schön forsch, dass du als Neuer dein Maul so aufreißt."

Allerdings ist ein Deutscher immer in der Lage, sich flugs einem neuen Nörgelstandard anzupassen.

"Wir Deutsche werden von den Schweizern als besserwisserisch, laut und unsensibel tituliert", meinte Werner leicht indigniert. "Was ich für unberechtigt halte, weil die Schweizer nämlich genauso sind. Aber sie haben auch Schwächen. Zum Beispiel Hochdeutsch." Er lächelte. "Alles, was im Hochdeutschen im Genitiv steht, fällt den Schweizern schwer. Es macht einfach Spaß, sie zu korrigieren. Zum Beispiel, wenn einer auf Hochdeutsch etwas Falsches sagt, sich dumm zu stellen und zu fragen, was er damit meint. Ein Helvetismus - so nennt man diese kleinen sprachlichen Abweichungen - ist zum Beispiel das Wort 'allfällig'. Es steht für eventuell und wird so benutzt: 'Für allfällige Reklamationen wenden Sie sich bitte an unser Supportteam'. Da hake ich nach: 'Meinen Sie alltäglich? Meinen Sie abfällig?' Das ist eine Art, die ich erst von ihnen gelernt habe. Ich finde, es geschieht ihnen recht, weil sie das auch mit mir machen."

Eine interessante Theorie besagt, dass so etwas wie ein Nörgelnebel sich nur in einem zutiefst protestantischen Land in voller Schönheit entfalten kann.

"Ich denke, Brasilien ist katholisch geprägt, und in katholischen Ländern nörgeln die Leute generell anders", sagte Köninger. "In Deutschland prägt das Protestantische ein bisschen mehr als das Katholische. Alles wird ernster genommen und man braucht länger zum Lachen."

Dass Deutschland auf jeden Fall zutiefst protestantisch ist, darin waren sich alle meine Befragten einig. Selbst die Katholiken in Deutschland sind protestantisch. Mit einer Ausnahme: an Fastnacht natürlich. Da bricht sich plötzlich vom Alkohol beflügelt die Selbsterkenntnis Bahn, und sie lassen sich gehen und singen begeistert mit, wenn ihnen ein Sänger wie Ramon Chormann mit den Worten kommt:

Die Traurigkeit blüht in mir wie eine Rose,
früher war ich ein kleiner Jammerlappen,
und heut bin ich ein große,
und was mir immer noch am meisten Kummer macht,
das ist und bleibt die Fassenacht.

Die polnischstämmige Journalistin und Nörgelforscherin Wiebke M., die in Deutschland aufgewachsen ist und deren Familie in Polen lebt, glaubt, dass auch die polnische Art der Nörgelei maßgeblich mit der Religion zusammenhängt. "Die Grundeinstellung ist: Man ist hier auf Erden in diesem Jammertal, um das Schrecklichste zu erleben, was es gibt", erklärte sie, "und umso schlimmer das Leben hier unten ist, desto besser wird es im Himmel sein. Man kann sowieso nichts machen. Also nehmen die Polen alles mit einer großen Schicksalsergebenheit hin. Das führt dazu, dass sie weniger nörgeln, oder mindestens dazu, dass es kein Nörgeln ist, das zur Depression führt."

Ich bat sie um ein Beispiel.

"Ich war letzte Woche in Polen", erzählte sie. "Meine Tante und mein Onkel waren krank. Eine Bypass-OP, eine künstliche Hüfte, es geht ihnen gar nicht gut. Sie leben von nur einer Rente. Und sie haben genörgelt: 'Alles wird schlimmer, wir Rentner sind am Arsch', und so fort. Aber es hat sie nicht daran gehindert, zu lachen und zu scherzen. Ich glaube, das erhöht die Lebensqualität. Sie sind nicht bereit, zu Gunsten des Nörgelns auf die Freuden des Lebens zu verzichten. Wenn sie sich die ganze Zeit aufregen würden, wäre es aus."

"Ich habe den Eindruck, wenn es den Leuten gut geht, suchen sie einen Grund, warum es ihnen schlecht geht", überlegte die Brasilianerin Köninger. "In Brasilien ist alles viel schwieriger: Die öffentlichen Verkehrsmittel funktionieren nicht; wenn es regnet, steht die Straße unter Wasser; die ärztliche Versorgung ist schlecht, wenn man nicht viel Geld hinlegt; man steht am Markt ewig in der Schlange. Aber man ärgert sich dort nicht so sehr darüber wie hier."

Wer vom Leben erwartet, dass die Dinge funktionieren, der nörgelt auch mehr, scheint es. Die armen Schweine am anderen Ende der Hotlines können ein Lied davon singen. Wie man auf die Idee kommen kann, dass die Welt stets funktionieren sollte, weiß ich auch nicht, aber scheinbar ist Nörgeln ein Zeichen von gehobenem Anspruch, und wenn die Deutschen eines haben, dann sind es Ansprüche.

"Hier in Deutschland funktioniert alles", stimmte D'Angelo zu, "und man ist erstaunt, wenn einmal etwas nicht funktioniert. In Italien sind wir erschrocken, wenn mal was funktioniert. Die Deutschen glauben, ihre Bürokratie sei kompliziert. Das ist nichts gegen Italien. Wenn man in Deutschland zwei Stunden im Einwohnermeldeamt warten muss, meckert man. In Italien wartet man zwei Monate."

In Deutschland sind die Erwartungen so unrealistisch hoch, dass Frauen sogar erwarten, dass ihre Männer funktionieren. Das würde zumindest einiges erklären, was mich seit vielen Jahren in einer Beziehung mit einer deutschen Frau wundert. Auch Scott Roxborough, der, wie so viele der hier befragten Ausländer, mit einer Deutschen verheiratet ist, hat dieses Phänomen beobachtet.

"Die wichtigsten Frauen in meinem Leben sind meine Frau Andrea und meine Mutter", erklärte er. "Das Seltsame ist, unter der Oberfläche haben sie beide ganz ähnliche Persönlichkeiten, mit der einzigen Ausnahme, dass sie anders mit Ärger umgehen. Andrea greift an. Wenn etwas in einem Laden nicht stimmt, schreit sie die Leute an, bis etwas passiert. Das ist deutsch. Meine Mutter würde einen strengen Brief schreiben."

Eines Tages kamen seine Eltern aus Kanada zu Besuch. "Wir dachten, wir reisen zusammen ein bisschen in Europa herum", erzählte er. "In Kopenhagen wollte ich zwei Hotelzimmer für den nächsten Tag buchen, und ich buchte zwei 'Doppelzimmer', ohne zu wissen, dass es sich aus irgendeinem Grund nicht um Zimmer mit Doppelbetten handelte, sondern um Zimmer mit zwei Einzelbetten. Wir trafen uns dann auf einem großen Platz und Andrea fragte, was ich gebucht hätte. 'Warum brauchen wir zwei Betten? Bist du ein Idiot?', fragte sie. Meine Mutter bekam mit, dass irgendjemand gerade ihren Sohn kritisiert, und gab zu bedenken: 'Nun ja, ich glaube, wir sollten versuchen, ihn zu verstehen, und zulassen, dass er die Dinge auf seine Art regelt'. Andrea meinte: 'Er macht immer so einen Scheiß.' Da sagte meine Mutter: 'Das hört sich ein bisschen an wie eine Kritik darüber, wie er erzogen wurde.' Andrea: 'Hättest du ihn mal richtig erzogen, wäre er nicht so.' Darauf meine Mutter eiskalt: 'Ich nehme ihn jederzeit zurück.' Das war's dann. Alles explodierte. Andrea griff meine Mutter an und meine Mutter griff Andrea an, und all das mitten auf diesem öffentlichen Platz in Kopenhagen. Ab und zu warf mein Vater hoffnungsvoll noch ein: 'Na, ist doch schön, dass das alles endlich ausgesprochen wurde', aber das tat dem Streit keinen Abbruch. Die Frauen ließen die Fetzen fliegen. Mein Vater und ich pflegen die gleiche kanadische Einstellung zu Konflikten. Uns blieb nichts übrig als verlegen rumzustehen und hin und wieder zu murmeln, 'na? Schöner Tag, was? Hat irgendwer Hunger?'"

Die Frage, die mir meine internationalen Nörgelforscher jedoch nicht beantworten konnten, war: Wie weit reicht die Kultur des Krittelns hierzulande eigentlich zurück?

Einige Bemerkungen zu "Nörgeln".

Die Deutschen sagen es selbst - das ist das Erstaunliche: Sie lieben es, zu nörgeln. Ich auch: Dieses Buch ist der Beweis, dass ich ebensogut nörgeln kann wie die Ureinwohner meiner Wahlheimat. Vielleicht sogar besser: Dieses Buch nörgelt über das Nörgeln.
 
Es war unser dritter Bestseller.
 
Hier eine Kritik aus der taz.
 
Hier eine Lesung aus dem Buch auf erlesen.tv.
 
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