Eine Stadt namens Loch.
Nach dem Fall der Mauer wurde es allen klar, dass Deutschland zum Major Player auf der internationalen Bühne werden würde - und dass die Deutschen überhaupt nicht darauf vorbereitet waren. Da dachten wir uns: Wir nehmen diese Situation und übertragen sie auf eine winzige Kleinstadt im tiefsten Odenwald.
Der Wille zum Betrug und der lange Satz

Kapitel Zwei


Im Interesse der Wahrheit muss ich vorab etwas klarstellen. Ich bin kein Auslandskorrespondent der New York Times. Es handelt sich um ein Versehen. So. Jetzt ist es raus.

Ich wäre zwar gern der angesehene amerikanische Journalist, für den man mich in Loch am Rhein hielt - einer dieser coolen, globetrottenden Autoren, die in wichtigtuerischen Sonntagmorgen-Presseshows auftreten und mit überschlagenen Beinen und ernster Miene unglaublich fundierte Meinungen von sich geben. Doch leider gehöre ich eher zu den Typen, deren Berufsbezeichnung meist mit dem Präfix "Möchtegern-" beginnt. Möchtegern-Journalist, Möchtegern-Autor, Möchtegern-Globetrotter.

Es gibt viele wie mich fern der Heimat. Wir entfliehen der engen, provinziellen Mentalität unserer amerikanischen Kleinstadt und streben nach Europa, um uns in der reichen Kultur des alten Kontinents zu baden und unseren bahnbrechenden Roman zu schreiben. Doch bevor wir mit dem Roman richtig in Fahrt kommen, geht uns das Geld aus, und wir nehmen einen Job als Englischlehrer in einer Sprachschule an, wo keiner nach Qualifikationen fragt. Mit anderen Möchtegerns geben wir dann zuviel Geld in Bars aus, wo wir eine sexuell aufgeklärte europäische Frau kennenlernen und irgendwann mit ihr zusammenziehen, und bevor man "Die Vergewaltigung von Europa" sagen kann, beginnt sie, ihren Englischlehrer-Ehemann nach einer Perspektive zu fragen.

Die Art, wie eine coole, sexuell aufgeklärte, europäische Frau nach Perspektive fragt, ist immer ein bisschen anders. Bei Carla ging es in etwa so: "Du, ist mir völlig egal, dass die ersten vierzig Seiten deines Romans seit drei Jahren in der Schublade liegen, für mich bist du tief im Herzen ein Romanautor. Nur das zählt. Aber vielleicht wäre es gut, mal mit was Kleinerem anzufangen. Schreib doch mal einen Artikel für eine amerikanische Zeitung."

"Ich bin kein Journalist. Journalisten sind Huren. Ich bin Romanautor."

"Es kann nicht schaden, mal was anderes zu probieren. Nur der Erfahrung halber, meine ich", sagte sie schnell und fügte ebenso schnell hinzu: "Willst du was aus dem Kühlschrank? Ich habe Ben & Jerry's gekauft."

Doch das Thema war noch lange nicht vorbei.

"Ein Erfolgserlebnis könnte dir guttun, weißt du? Für jemanden wie dich muss es doch ein Leichtes sein, irgendwelche Artikelchen zu schreiben, die Geld bringen. Das machst du mit links. Und wenn du erst deinen Namen in der Zeitung siehst, wird dir das mehr Antrieb geben für den Roman."

"So leicht geht das nicht", sagte ich.

Das war so im Spätsommer. Im November fing es wieder an:

"Ich dachte, du wolltest mal was Einfaches schreiben. Für eine Zeitung."

"Ich überlege mir das noch."

Anfang Dezember fand ich einen Haufen amerikanischer Zeitungen auf dem Tisch im Wohnzimmer.

"Ich war am Hauptbahnhof und habe mal bei der Internationalen Presse vorbeigeschaut", gab Carla überraschend bekannt. "Du wirst nicht glauben, wie viele Zeitungen es in Amerika gibt. Weißt du was? Ich wette, keine von denen hat einen Korrespondenten hier in Krefeld. Du könnest einen Artikel über Krefeld für den Reiseteil schreiben. Sowas hatten sie bestimmt noch nicht."

"So läuft das nicht ...", begann ich, doch da holte sie den Holzhammer heraus:

"Du hörst dich immer mehr wie ein Deutscher an." Das hatte gesessen.

Kurz vor Weihnachten, als wir aus organisatorischen Gründen bereits seit einigen Tagen wieder miteinander sprachen, drehte sie auf: "Was meinst du, was ich meinen Eltern sagen soll? Du wärst fast fertig mit deinem Roman? Weißt du, wie lange ich das schon erzähle?"

Der große Streit würde kommen. Das wussten wir beide, aber wie so viele Paare schoben wir es so lange wie möglich vor uns her. Warum tut man sich das an? Warum nicht einfach das Ganze im Schnelldurchlauf durchziehen? Sobald sich ein Thema anbahnt, das ganz klar im Streit enden muss - warum nicht umgehend losbrüllen? Dann ist es schneller vorbei. Ich glaube, wir Männer schieben es vor uns her aus Angst, es könnte wehtun. Frauen sind da weniger egoistisch, sie schieben es vor sich her aus Rücksicht auf uns. Denn sie wissen, sie werden gewinnen.

Es war dann in der Silvesternacht. Nachdem wir einander lange genug angeschrien und genügend Türen geknallt hatten, zog ich mich ins Schlafzimmer zurück, schaute der Realität ins Auge und schmiss wütend und trotzig zugleich den Computer an. In 30 Minuten hatte ich einen Artikel über Krefeld herunter gehackt. Nach weiteren 30 Minuten sah der Artikel dann nicht mal halb so schlimm aus. Er lebte von einem starken, heilsamen Zynismus und von meinem unbestechlichen Blick auf die piefige deutsche Provinzmentalität. Ich stilisierte ein paar Penner in der Friedrichstraße zu kreativen Rebellen hoch, und schloss, das Schönste an Krefeld sei, wie schnell man von hier weg käme nach Holland. Mit dem Ausdruck in der Hand marschierte ich ins Wohnzimmer, pfefferte ihn vor Carla auf den Couchtisch und sagte, "Schick das an die New York Times und schau, was passiert, wenn du glaubst, ich bin irgend so ein billiger News-Reporter."

Am nächsten Tag erkundigte ich mich bei meiner Sprachschule nach Aufstiegschancen. Es gab keine. Im Gegenteil. Zwei Monate später stellte die Volkshochschule Krefeld ihr Programm um und entdeckte gemeinsam mit mir, dass mein Name nicht mehr darin vorkam.

Als ich an dem Abend arbeitslos, aber mit einem sehr teuren Blumenstrauß nach Hause kam, wartete Carla freudestrahlend mit einem Brief auf mich. Irgendwas hatte sie fröhlich gestimmt, warum sollte ich ihr also die Stimmung verderben? Ich schmiss die Blumen in den Abfalleimer, bevor sie mein schlechtes Gewissen erriet.

"Lies mal!", sagte sie aufgeregt. Und reichte mir den geöffneten Brief. Adressiert war er an Steve Gunderson, Journalist, New York Times, an meine Adresse in Krefeld.

Sehr geehrter Herr Gunderson,

wir sind durch Ihren interessanten Artikel in der New York Times auf Sie gestoßen. Imponierend, mit welcher Beobachtungsgabe Sie über eine eher unbekannte Stadt, zumal eine deutsche (!), schreiben. Es ist eine Seltenheit, dass Ausländer, insbesondere Amerikaner (!), über so genaue Kenntnisse unseres Landes verfügen und darüber hinaus so positiv über uns berichten.

Aus diesem Grund hoffen wir, Sie als Kapazität für ein besonderes Projekt gewinnen zu können.

Ein spektakulärer archäologischer Fund weist unserer Stadt seit kurzem eine neue, brisante historische Rolle zu. Jener Goldfund gibt zur berechtigten Hoffnung Anlass, dass der Schatz der Nibelungen in unserer bescheidenen Gemeinde vergraben liegt. Archäologisch gesehen rangiert diese Entdeckung auf dem Niveau der Bergung der Titanic. Aus diesem Grund planen wir eine Reihe städtischer Erneuerungsprojekte, einschließlich eines anspruchsvollen Festspiels. Auch wenn ich mich dadurch ein wenig aus dem Fenster lehne, wage ich zu behaupten, dass der Name Lochs in der Öffentlichkeit bald eine ebenso hohe Stellung einnehmen wird wie Bayreuth, Oberammergau und Bad Segeberg.

Für unseren Ort hat damit ein grundsätzlicher Verwandlungsprozess begonnen. Wir laden Sie ein, die einzelnen Projektphasen bis zur Premiere im August mitzuerleben und als Serie wöchentlicher Artikel in der New York Times zu dokumentieren. Wir glauben, dass dieses Projekt eine Dynamik aufweist, die auch für eine überregionale Leserschaft von Interesse ist. Natürlich stehen alle führenden Personen der Stadt, einschließlich Bürgermeister Fritz-Eberhard Steiner, Festspielintendant Drafi Becker und Festspielautor Peter Westernacher, für Interviews zu Verfügung.

Sollten Sie diese Einladung annehmen, stellen wir Ihnen in unserem malerischen Stadtzentrum gern Kost und Logis zur Verfügung, ferner selbstverständlich ein Honorar sowie eine angemessene Aufwandsentschädigung für Ihre laufenden Kosten, deren Höhe Sie uns bitte mitteilen möchten.

Auf positiven Bescheid freue ich mich und verbleibe mit freundlichen Grüßen,

Wilhelm Steiner,
Kurator Heimatmuseum Loch am Rhein
18. April, 2002


Das war der großartigste Brief, den ich je in meinem Leben bekommen hatte.

Ich war in der New York Times!

Mein erster Gedanke war: Scheiß auf Romane. Ein Leben als international berühmter Journalist? Auch nicht schlecht. Ich rief New York an und verlangte den zuständigen Redakteur. Ich faselte etwas von meiner Bereitschaft, regelmäßige Beiträge über Deutschland zu schreiben. "Das ist eine wahre Fundgrube hier, die Dinge, die ich jeden Tag erlebe, das glauben Sie nicht ..."

Er sagte: "Wer sind Sie?"

Gut 30 Minuten lang wurde ich hin und her verbunden. Ich konnte geradezu mithören, wie meine Telefonrechnung hochkletterte, aber ich ließ den Hörer nicht los. Endlich landete ich in der Rechtsabteilung:

"Mister Gunderson, gut, dass Sie sich melden. Hier liegt offenbar ein Missverständnis vor. Wissen Sie, es gibt einen anderen Steve Gunderson, der regelmäßig für uns schreibt. Unser Redakteur hat irrtümlich angenommen, der Beitrag käme von ihm und hat ihn ohne weiteres akzeptiert. Offenbar ohne ihn vorher zu lesen. Hätte er auf die Qualität des Textes geachtet, wäre ihm der Fehler sicher aufgefallen. Dass ein derartiger Beitrag überhaupt in unseren Seiten erschienen ist, hat uns möglicherweise mehr geschadet, als Sie sich vorstellen können. Der Redakteur ist beurlaubt worden. Von dem echten Herrn Gunderson liegt uns eine Beschwerde wegen Rufmords vor. Wir arbeiten daran, dass es nicht zu einer Anzeige kommt. Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, werde ich Ihnen ein vorgedrucktes Formular zukommen lassen, in dem Sie bitte klarstellen wollen, dass Sie wissentlich einen Beitrag unter dem Namen Steve Gunderson eingereicht haben und dass die alleinige Schuld sowie jede rechtliche Konsequenz bei Ihnen liegt. Wir bitten Sie, dieses Schreiben zu unterzeichnen und umgehend zurückzusenden. Haben Sie sonst noch Fragen?"

"Nein. Doch. Bekomme ich den Artikel bezahlt?"

"Der Scheck ist schon an Herrn Gunderson rausgegangen und eingelöst worden."

Es folgten ein paar sehr dunkle Wochen meines Ehelebens. Als ich Carla irgendwann von meinem Jobverlust erzählen musste, dachte ich schon, sie würde mich umbringen, aber sie hatte dafür keine Kraft mehr. Immerhin kam kein Wisch von der New York Times: Schon während des Gesprächs, das sie am Hörer mitbekam, war sie klug genug, mir per Handzeichen mitzuteilen, ich solle eine falsche Adresse angeben, und ich war klug genug, ihren Vorschlag zu befolgen.

Irgendwann fiel mir ein: Da war doch was.

Ich suchte nach dem Brief aus Loch. Da stand es ja: Kost und Logis und genug Geld, um meine Miete ... etc.

"Wie willst du denn eine Serie in der New York Times unterbringen?", fragte Carla, die von der Konfrontation mit der Zeitung noch mehr mitgenommen war als ich. "Oder willst du die Leute da nur hinhalten und das Geld kassieren?"

Ich zuckte mit den Achseln.

"Das wäre Betrug, das weißt du, oder?"

"Nicht nur das", sagte ich. "Es wäre Betrug auf allerniedrigstem Niveau. Ich finde die Stadt nicht mal auf der Landkarte."

"Vielleicht brauchst du eine bessere Landkarte."



Der lange Satz

Uns war klar, als wir das Buch schrieben, dass wir mit einer Komödie im Stil eines Christopher Guest-Films niemals Anerkennung im kulturlastigen Deutschland finden würden ... es sei denn, wir gelten als Intellektuelle. Und wer in der deutschen Literatur als Intellektuelle gelten will, muss lange Sätze schrieben. Also haben wie einen langen Satz eingefügt:
 

Es war wie einer dieser Momente, wo du dich eben wieder hinsetzen willst, aber gerade noch siehst, wie dein Stuhl von jemand anderem weggezogen wird, jemand, der offenbar eine eigene Verwendung für ihn gefunden hat, und du erkennst, dass du dich jetzt sofort wieder aufrichten müsstest, aber leider, leider: zwischen diesem Moment der Erkenntnis und dem Moment, wo dein geistiger Befehl deine noch ahnungslose Muskulatur erreicht, liegt genau die Nanosekunde, in der du bei vollem Bewusstsein und auch noch in Zeitlupe das Gleichgewicht verlierst, und während du auf das Parkett knallst, fragst du dich, warum du nicht einfach stehen geblieben bist, wo du doch bei vollem Bewusstsein warst, und darüber hinaus hast du noch Zeit, zu erkennen, dass das jetzt ganz entschieden der falsche Moment war, den riesigen Teller voller Kartoffelpüree, Erbsen und Geschnetzeltem in Rahmsoße sowie das große kühle Bier zu holen.

Einige Bemerkungen zu "Nibelungenfieber"
"Nibelungenfieber" ist unser einziger Roman und das einzige Buch, auf dessen Cover unsere beide Namen erscheinen.
 
Der pseudo-dokumentarische Stil wurde durch die Mockumentaries von Christopher Guest inspiriert, den wir beide endlos bewundern.
 
Wir hatten die Ehre, dass der große Michael Sowa den Cover gemalt hat. Astrid und ich sind Fans von jeher und wir lieben es, was er mit des Bürgermeisters Sexszene gemacht hat. Hier eine Galerie mit einigen anderen witzigen, ironischen, grotesken und ikonischen Gemälden von ihm.
 
Hier ist mehr über unsere fiktive Stadt Loch aus einem echten Reiseführer!
 
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