Die Deutschen sind vom anderen Planeten.
Es begann mit der Frage der "Amerikanisierung" - je mehr ich sie untersuchte, desto mehr stellte ich fest, dass sie ein Mythos ist, der aber einem emotionalen Bedürfnis entspringt. Darauf fragte ich mich: Was für andere Mythen pflegen die Deutschen über sich selbst, die sie selber gar nicht als solche erkennen?
Hier das erste Kapitel.

Kapitel 1:
Die Deutschen suchen ihre Identität wie andere den Yeti
 

Meine erste Begegnung mit den Mysterien der deutschen Seele ereignete sich 1985 in dem hübschen Städtchen Krefeld. In dem italienischen Eiscafé "Lorenzo" machte mich meine nagelneue deutsche Ehefrau mit einer ihrer Schulfreundinnen bekannt. Sie erzählte mir von ihren Erfahrungen als Austauschschülerin in den USA.

"Und, hat es dir gefallen?", fragte ich, voller Hoffnung, daß meine Landsleute, auf ihr internationales Image bedacht, gut zu ihr gewesen waren.

"Es war die schlimmste Zeit meines Lebens", sagte sie.

Alle Kids um sie herum hatten viel Spaß und genoßen das Leben in vollen Zügen, sie jedoch wurde ausgeschloßen und gehänselt. Sie wußte auch, warum. Kurz nach ihrer Ankunft wurde ihr gesagt: "Hier in Amerika rasiert eine junge Dame ihre Beine." Daß sie das nicht tat, machte sie zur Zielscheibe endloser Witze. Ihr Jahr in Amerika wurde zum Jahr in der Hölle.

Höflicherweise entschuldigte ich mich für die Intoleranz meiner Landsleute, doch irgendetwas hatte ich nicht verstanden. "Warum hast du dir nicht einfach die Beine rasiert?", fragte ich.

"Wenn ich das getan hätte", sagte sie, "wäre ich nicht mehr ich selbst gewesen."

Die Antwort imponierte mir. Das nenne ich Konsequenz. Eine Amerikanerin hätte vielleicht gesagt: "Ich habe meine Beine aus Protest gegen die sexistische, ungleiche Behandlung von Männern und Frauen in unserer Gesellschaft nicht rasiert." Solche Antworten hätten mich nicht überrascht. Junge Amerikanerinnen sind dafür berüchtigt, daß sie die Welt verbessern wollen. Aber keine von ihnen wäre auf die Idee gekommen, durch eine Rasur nicht mehr sie selbst zu sein.

Die Krefelderin sprach, als ob sie mit ihren Haaren ihre Seele verlieren würde. Auch wir Amerikaner kennen Seelenverlust, aber er tritt meist erst dann ein, nachdem man von einem Zombie gebißen wird. Bei den Deutschen geht das offenbar schneller. Ich stellte sie mir vor: ein deutscher Zombie auf der High School, auf rasierten Beinen seelenlos umherirrend.

Die Deutschen scheinen ihre Identität öfter als ihre Schlüßel zu verlegen. Auf einer Studentenparty in Paßau lernte ich vor kurzem eine junge Dame kennen. Als sie hörte, daß ich Ami bin, ließ sie mich umgehend wißen: "Ich fühle mich zutiefst amerikanisiert." Ein spezieller Fall von Identitätsverlust, mit dem sie nicht alleine dasteht.

Gleich im ersten Kapitel des 2004 erschienenen Buches von Michael Rutschky Wie wir Amerikaner wurden wird behauptet, "Deutschland hat seine Seele verloren". Es ist lediglich die jüngste Veröffentlichung in einer langen Reihe von Büchern über die Amerikanisierung der deutschen Wirtschaft, Politik, Medien und der Sprache. Der Begriff Kulturimperialismus wurde nicht erst von den Alt-68ern erfunden. Bereits 1920 erschien von Gustav Wilhelm Meyer Die Amerikanisierung Europas und nur acht Jahre vor der Machtergreifung Hitlers schrieb der jüdisch- österreichische Autor Stefan Zweig, daß die amerikanische Populärkultur mit ihren Tänzen wie den Charleston die derzeit größte Gefahr für die Kultur darstelle.

Nicht nur Amerika bedrohte die deutsche Seele. In Englischer Kulturimperialismus - Der "British Council" als Werkzeug der geistigen Einkreisung Deutschlands belegte Franz Thierfelder glaubwürdig, daß die Engländer versuchten, den Deutschen mit Hilfe von Englischkursen ihre Kultur zu rauben. Das Buch erschien 1940, zeitgleich mit der Luftschlacht um England.

Der Glaube, man könne seine Identität durch den Konsum von Coca-Cola, Jeans, Popsongs, Hollywoodfilmen und Fastfood von McDonald's verlieren, ist ziemlich deutsch. Wir Amerikaner importieren deutsches Bier, italienische Schuhe, englische Filme und mexikanische Tacos, aber sie bringen unsere Seele nicht in Gefahr. Dafür ist bei uns der Teufel zuständig. Sollte jemand prophezeien: "Nehmt euch in Acht! Bald kommt ein ausländisches Getränk und raubt euch eure Seele!" - na ja, bei uns kriegt er damit nicht so schnell die Kirche voll. Nur hierzulande fürchtet man Popkultur mehr als der Teufel das Weihwaßer. Der Satz: "Ich wurde amerikanisiert", ist weniger eine Feststellung als vielmehr ein Beweis, daß der Sprecher mit Leib und Seele deutsch ist. Kein Amerikaner würde beim Kauf eines BMWs grübeln: "O Gott, werde ich nun germanisiert?" Keine amerikanische Mutter hat ihrem Kind Grimms Märchen verboten, aus Angst, das Kind könne deutsch werden. Ich bin auf Hawaii groß geworden und aß als Kind mehr Chow Mein, Sushi und Li Hing Mui als Hamburger. Doch nie hätte ich bezweifelt, daß ich Amerikaner bin. Ich lebe seit 20 Jahre in Deutschland, spreche deutsch, träume deutsch, doch ich bilde mir nicht ein, deutsch zu sein - oder gar meine Seele verloren zu haben. Die eigene Identität infrage zu stellen, also das ist einfach typisch deutsch.

Oder haben sie doch Recht? Haben die Deutschen ihre Seele tatsächlich an Amerika verloren? Ich wollte es wißen. An einem der wenigen sonnigen Tage im Sommer 2005 nahm ich einen Schreibblock und notierte die vier besten Sprüche über die Amerikanisierung der Germanen:

1. "Bald gibt es bei uns an jeder Ecke einen McDonald's."

2. "Wir kaufen jeden Scheiß, der aus Amerika kommt."

3. "In der Politik geht es nur noch um Show, wie in Amerika."

4. "Durch die Besatzung wurde uns die amerikanische Kultur aufgezwungen."

Punkt eins: die McDonaldisierung. Eine sehr deutsche Idee, was man daran merkt, daß ich das Wort McDonaldization nicht mal außprechen kann. Ich machte mich auf den Weg von meiner Wohnung in Berlin-Schöneberg in Richtung McDonald's. Dabei zählte ich die Ecken:

Kein McDonald's an der ersten Ecke.

Kein McDonald's an der zweiten Ecke.

An der dritten Ecke fand ich ein erstes Zeichen der um sich

greifenden Amerikanisierung: Ein deutsches Restaurant, das, mitten in Berlin, einem Hollywoodstar gewidmet ist: Marlene Dietrich.

Vierte Ecke: Auch kein McDonald's, aber ganz klar ein Fall von Kulturimperialismus, denn auf der Speisekarte des deutschen Restaurants Tuffstein standen Tapas und Tortillas, Pasta und Pizza. Offenbar ein Fall mehrfachen Identitätsverlustes: an welches Land hat der Besitzer seine Seele denn nun verloren? Gegenüber stand zum Glück eine traditionelle Pommes- und Currywurstbude - von einer Türkin betrieben. In mir stieg Verwirrung auf: Irgendeine Identität ist hier verloren gegangen, aber die der Betreiberin oder die der Wurst?

An der neunten Ecke fing die Amerikanisierung richtig an: Ein Stehcafé namens "Downtown". Allerdings, so richtig zu Hause habe ich mich in dem Laden nie gefühlt. Der italienische Kaffee ist einfach zu gut für einen amerikanischen Coffee-Shop. Dann bog ich in die Hauptstraße ein, Richtung Potsdamer Platz, wo zahlreiche Türken, Vietnamesen, Italiener und Griechen ihre fremdländischen Speisen anboten. Ich ging am Chinaimbiß Jin-Xin, Öz Adana Asma Alti Holzgrillspezialitäten und Khayyam Persische Spezialitäten vorbei und dachte abwechselnd: "Ich bin nicht mehr in Deutschland!", dann: "So viele ausländische Imbiße! Das gibt es nur in Deutschland!" Widersprüchliche Gedanken, die auf Dauer recht ermüdend wirkten.

Ecke Nr. 32 machte mir Hoffnung, denn hier stand etwas Deutsches: ein Café. Allerdings nur für Frauen. Das brachte mich wiederum durcheinander. Frauenimperialismus? Darauf war ich nicht wirklich vorbereitet. Ich eilte weiter. Türkischer Grill, China Grill, Istanbul Grill. Langsam dämmerte mir, was für eine genial-perfide Strategie die internationale Gastronomieclique verfolgt: Sie wollen die Deutschen mit maßiver, unausweichlicher Vielfalt verwirren. Plötzlich und unverhofft eine einsame Insel kultureller Echtheit: "Bratwunder" verteidigte allein auf weiter Flur die Werte des deutschen Würstchens. Dann, direkt nach dem Annan China Imbiß, stand ich vor Amerika pur: Burger King.

Das war zwar nicht McDonald's, aber mir fehlte die Kraft weiterzumachen. Ich erwarb eine Tüte Zwiebelringe - eine amerikanische Erfindung, für die ich manchmal schon meine Seele verkaufen könnte - und prüfte meine Zahlen. Von bisher 78 Möglichkeiten, mich irgendwie mit Eßen zu versorgen, waren 33 türkisch, 29 deutsch, 8 asiatisch, 5 italienisch, 2 griechisch, 1 persisch und 1 amerikanisch. Und das bei 41 Ecken.

Ich stelle die gewagte These auf, daß die Theorie der McDonaldisierung Deutschlands ein wenig übertrieben ist. Laut Deutschem Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA gibt es 1650 Hamburger-Restaurants in Deutschland, wenn man McDonald's und Burger King zusammenrechnet. Daneben existieren etwa 3500 China-Restaurants, 12000 Döner-Läden und 23000 Pizzerien.

McDonald's war nicht der Anfang von Fastfood in Deutschland. Im Gegenteil, das gab es hierzulande schon viel früher als in meiner Heimat.

Schon im Spätmittelalter wurden heiße Würstchen und Komplettmahlzeiten auf Märkten verkauft. In Weimar gibt es eine Rezeptur für Thüringer Bratwurst aus dem Jahre 1613. Der bayerische Wärschtlamo oder Wurstmann existiert mindestens seit 1881; in Österreich steht der Würstelstand seit der K&K-Monarchie. Im 19. Jahrhundert waren hierzulande so genannte Automatenrestaurants aus England populär, in denen man Fertiggerichte aus Fächern hinter Glas wählen konnte. Es waren Napoleons Soldaten, die den Imbißstand, genannt Bistro, nach Frankreich importiert haben, und zwar auf dem Rückzug aus Rußland. Die Currywurst wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erfunden. Und Pommes - die meistgekaufte Fastfood-Speise Amerikas und laut McDonald's-Gründer Ray Kroc das eigentliche Geheimnis seines Erfolges - sind eine europäische Erfindung aus Belgien, Frankreich oder Spanien, die auf das 17. Jahrhundert zurückgeht.

Fastfood-Ketten gibt es hier bereits länger als in Amerika. Wenn ich auf meinem Spaziergang an der 12. Ecke links statt rechts abgebogen wäre, hätte ich in 30 Sekunden eine Filiale der Nordsee-Kette erreicht, ein über 100-jähriges Fastfood-Imperium. Bereits 1896 verkaufte Nordsee Fischbrötchen an Arbeiter in der Mittagspause, kurz danach komplette Mahlzeiten. Als McDonald's 1955 in heutiger Form gegründet wurde (im selben Jahr, in dem der erste Wienerwald in München eröffnete), existierten bereits 250 Nordsee-Filialen.

Die DEHOGA spricht übrigens nicht von "Fastfood", sondern von "Systemer". Auf der Liste der Top-Systemer stehen nach McDonald's die Lufthansa, die Raststättengruppe Autobahn Tank & Rast, Karstadt, Metro, Aral, Mitropa und etwa 90 weitere deutsche Firmen. Ich dachte immer, solange man nicht bei McDonald's oder Burger King ißt, lebt man gesund - doch auch Ikea, Mövenpick und Hallo Pizza servieren Fließbanddinners. Denn standardisierte, industriell vorbereitete Speisen sind nichts anderes als Fastfood. Das bedeutet, eine der deutschesten Speisen überhaupt gehört ebenso dazu: Hallo Bockwürstchen.

McDonald's hat Deutschlands Eßkultur nicht verändert. Im Gegenteil, der Hamburger hat sich ziemlich brav in eine bereits bestehende Fastfood-Landschaft eingeordnet. Es gibt weniger eine McDonaldisierung als eine McDonald's-Phobie. Amerikanische Firmen und Marken jagen den Deutschen mehr Angst ein als die Produkte aller anderen Länder zusammen. Sobald die Sprache auf Microsoft oder Starbucks kommt, höre ich Sätze wie: "Die Amis fallen hier ein, und egal, ob wir ihre Produkte wollen oder nicht, wir haben keine andere Wahl als sie zu kaufen." Demnach wären die Deutschen die einzigen Menschen auf der Welt, die zum Shopping gezwungen werden. Es ist, als ob unser Präsident persönlich der Bundeskanzlerin Haue androht, falls die Deutschen nicht ordentlich US-Produkte kaufen.

Hört man sich dagegen in Amerika um, hat Deutschland den Ruf, einer der härtesten und unfreundlichsten Märkte der Welt zu sein. Als man hier bei der Ankunft von McDonald's in den 70ern lautstark den Untergang der abendländischen Eßkultur beklagte, spitzten auch andere Fastfood-Ketten die Ohren. Vor allem Wendy's, mit 6670 Hamburger-Restaurants auf Platz 3 in Amerika, registrierte, daß Deutschland in Sachen Hamburger richtiggehend unterentwickelt war. Bei uns gibt es nämlich etwa zwei Dutzend erfolgreiche Hamburger-Ketten; hierzulande gab es bis zu diesem Zeitpunkt nur zwei. Da paßen noch ein paar rein, dachte sich Wendy's, und begann Anfang der 80er Jahre in Deutschland zu investieren und eröffnete Restaurants in mehreren Städten.

Nach ein paar Jahren waren alle wieder zu. Vermutlich baß erstaunt hatte sich die Firma aus Deutschland zurückgezogen (Wendy's Preßeabteilung zieht es vor, keine Stellungnahme zu den damaligen Ereignißen abzugeben). Offenbar hatte sie übersehen - genau wie die Deutschen selber auch -, daß man hierzulande bereits eine hoch entwickelte Fastfood-Industrie hatte, in der der gemeine Hamburger nur eine Nebenrolle spielt. Ein bißchen verletzt das schon meine nationale Ehre, wenn ich ehrlich bin. Was ist das für ein Land, wo der Bedarf an Hamburgern nicht mal für drei Ketten ausreicht?

Und wo wir gerade bei grundlegenden Fragen sind: Was ist das für ein Land, in dem Familien nicht in Videotheken gehen dürfen?

In unsere Videotheken fällt die gesamte Familie ein und sucht sich Filme aus, um sie gemeinsam zu Hause anzuschauen - ganz familienfreundlich. In den meisten deutschen Videotheken haben Jugendliche keinen Zutritt. Das sprach sich herum, und die Videothekenkette Blockbuster entschloß sich, diese offensichtliche Marktlücke zu schließen. 1995 feierte sie mit 25 Läden in München und Berlin ihr "Grand Opening" und überzog die Städte mit Werbung. Ein Blockbuster-Manager frohlockte gar in der Preße, die Deutschen würden froh sein, endlich eine Videothek zu bekommen, die nicht voller "Schweinkram" sei.

Knapp zwei Jahre später schloß Blockbuster seine Stores und zog sich aus Deutschland zurück, diesmal ohne sein "Grand Closing" groß zu feiern.

Ein Manager der Berliner Kette Video World gab mir gegenüber zu: Sie hatten damals gezittert. Mit fast 5000 Läden in den USA ist Blockbuster noch heute Amerikas größte Videothekenkette. Video World hat 50 Filialen. Aber, fügte er hinzu: "Blockbuster hat den Markt hier nicht verstanden." Mehr wollte er nicht verraten. Es kann gut sein, daß Blockbuster die vermeintliche Marktlücke nicht richtig einschätzte. Die Rendite bei Pornographie ist nämlich so hoch, daß manche Videotheken bis zu 30% ihres Umsatzes mit Erotik machten, vor allem in den 90ern, bevor es Internet gab. Die Videokunden machten einen Bogen um die Blockbuster Stores und gingen lieber zu Video World, wo der Papa für die Kinder Der König der Löwen und für die Mama Hausfrauen ohne Tabus holte.

Dann kam GAP. Wenn die Deutschen schon so auf Jeans stehen, die ursprünglich bloß eine Arbeitshose war, dann müßte es ja ein Leichtes sein, ihnen auch richtige amerikanische Mode unterzujubeln, dachte sich der US-Bekleidungsriese. Die deutschen Einzelhändler gerieten in Angst und Schrecken, als GAP in den 90ern eigene Läden eröffnete. Mit 1290 Läden in Amerika und beinahe 350 im Rest der Welt ist GAP die weltweit größte Bekleidungsfirma und vermutlich auch die mächtigste. Die Konsumenten ließ das kalt. 2004 mußte GAP seine deutschen Läden wieder schließen. Die Klamotten sind weiterhin hier erhältlich, aber die Popularität der Marke reicht einfach nicht aus, eigene Läden zu unterhalten.

Was ist der Grund? Es ist nicht so, daß man hier keine Klamotten aus dem Ausland kauft. Ganz im Gegenteil. Außer GAP sind die anderen weltgrößten Bekleidungsfirmen hierzulande gut vertreten: H&M aus Schweden hat 270 Läden, die spanische Kette Zara betreibt 37 Filialen und der italienische Gigant Benetton besitzt 250 Geschäfte.

Inzwischen weiß jeder amerikanische Exporteur, daß die Deutschen zu den eigensinnigsten Konsumenten Europas gehören. Nur die Deutschen wißen es nicht. Auch meine Heimat ist von ausländischen Firmen überschwemmt: Amerikas größtes Möbelhaus ist schwedisch, sein größter Verlag deutsch und das verbreitetste Spielzeug - die PlayStation - japanisch. Wir interpretieren das aber nicht als Beweis, daß wir kein Selbstvertrauen hätten und uns alles Mögliche aufzwingen laßen. Im Gegenteil: Für uns ist das ein Zeichen, daß wir einen echt tollen internationalen Geschmack besitzen. "Ich weiß schon, dieser Pashmina-Pullover war eigentlich viel zu teuer - du weißt ja, speziell ausgebildete Kashmiri müßen dem Schaf jedes Haar einzeln auspflücken - aber er hält wirklich warm." Die Frage ist nicht, warum es hier so viele ausländische Geschäfte gibt, sondern, warum die Deutschen dies zu ihren eigenen Ungunsten interpretieren: "Wieder ein Beweis, wie manipulierbar wir doch sind."

Ich rief die Bundesbank an und fragte, wie viel Mist denn Amerika wirklich auf den deutschen Markt schmeißt.

"Auf jeden Fall weniger als Frankreich", sagte der Sachbearbeiter, zuständig für Außenhandelstatistik. Das traf doch meinen Stolz. Ich hätte geschworen, daß Amerika der größte Exporteur ist, aber meine Heimat steht tatsächlich erst an zweiter Stelle.

"Aber die Amis exportieren doch viel mehr Waren nach Deutschland als die Deutschen nach Amerika ...?", meinte ich. Jetzt stand meine nationale Ehre auf dem Spiel.

Keineswegs, konstatierte der Bundesbankstatistiker.

Die Currywurst ist zwar in den USA noch nicht erhältlich, jedoch so gut wie alles andere. 2004 führte Deutschland Waren und Dienstleistungen im Wert von 64,8 Milliarden Euro nach Amerika aus - fast ein Drittel mehr, als die USA nach Deutschland exportierten. "Was glauben Sie, wie viele deutsche Firmen in Amerika Niederlaßungen haben?", fragte der Statistiker. Weit über 3400, denen lediglich 1400 amerikanischen Firmen in Deutschland gegenüberstehen. Das fängt groß an, zum Beispiel mit Bertelsmann, der Random House, den größten und einflußreichsten Verlag Amerikas, gekauft hat. Hochpreisig geht es weiter: DaimlerChrysler baut seine M-Klaße in Amerika, BMW den Z4. Deutsche Banken unterhalten Töchter und Filialen in Übersee. "Es gibt kaum ein deutsches Chemieunternehmen, das nicht in den USA produziert", ergänzte der Statistiker. Dazu kommen noch etwa 1000 weitere Unternehmen, die zu klein sind, um von der Bundesbankstatistik erfaßt zu werden: Vertriebsfirmen deutscher Hersteller, Zulieferer, Chemie-, Kunststoff- und Metall- verarbeitungsfirmen.

Das hat man gern. Die Deutschen beklagen sich lautstark darüber, daß sie amerikanisiert werden, und sind die ganze Zeit klammheimlich dabei, die USA zu germanisieren.

Das wirklich Erschreckende ist jedoch: während Deutschland sich über Amerika aufregt, wird es aus dem Hinterhalt hartnäckig von einem völlig unverdächtigen Land bedrängt, das in aller Stille sein Unheil anrichten kann. Ich spreche natürlich von Schweden.

Das geht schon im Kinderzimmer los. Wenn die Mutter einem Pippi Langstrumpf aufdrängt, sagt sie doch dabei nicht, Kind, das ist eine schwedische Geschichte, das könnte Folgen haben. Niemand fragt die deutschen Kinder, ob sie vielleicht lieber die Geschichte von Siegfried und Hagen und dem Blutbad der Nibelungen hören wollen. Kein Wunder, daß sie bei H&M landen, wenn sie ihre Klamotten kaufen, und sobald sie die erste eigene Wohnung beziehen, wandern sie automatisch zu Ikea. Zu Hause angelangt, machen sie es sich bequem auf einer Couch namens Klippan neben einer Regalkombi namens Ivar. (Wieso eigentlich nicht Couch Bielefeld und Regalkombi Garmisch-Partenkirchen?) Sie machen das Radio an, und was müßen sie hören? Abba. Sie schalten den Fernseher an, und was läuft? Ein Klaßiker von Ingmar Bergman. Sie greifen zum Buch: ein Krimi von Henning Mankell. Sie laden ihre Freundin ein und wollen sie beeindrucken, also diskutieren sie den schwedischen Sozialstaat als politisches Modell. Zur Einstimmung werfen sie dann einen Porno ein - aus Schweden, natürlich. Ist die Sache von Erfolg gekrönt und sie haben ein paar Kinder, kaufen sie ein praktisches Auto, das für seine Sicherheit bekannt ist: den Volvo. Gibt es denn kein Entrinnen? Die Schweden beherrschen schon ganz Skandinavien, behandeln Norwegen wie eine Kolonie und unterdrücken die armen Sámi, aber das reicht ihnen nicht. Nein, sie müßen die Welt mit Knäckebrot überziehen.

Der amerikanisierteste deutsche Wahlkampf, den ich je gesehen habe, war die Berliner Bürgermeisterwahl 2001. Der hoffnungsvolle junge CDU-Kandidat hieß Frank Steffel. Geleckt, glatt und grinsend posierte er mit seiner perfekt gestylten Ehefrau genauso wie unsere Präsidentschaftskandidaten es tun: Brust raus, Kopf hoch, Anzug gebügelt, Haare geföhnt, es fehlte nur die amerikanische Flagge im Hintergrund. Die Zeitungen nannten ihn den "amerikanischen Polit-Profi", "John F. Steffel" und den "Berliner Kännedi".

Noch nie hat die Preße lauter "amerikanisch!" geschrien. Noch nie habe ich mir so oft an die Stirn geklatscht und gemurmelt: "O Gott, ist der deutsch."

In seinem Bemühen, einem amerikanischen Wahlkampf nachzueifern, ließ Steffel bei manchen seiner öffentlichen Auftritte Jennifer Lopez singen (von CD natürlich). Dafür mußte er sich rechtfertigen. "Früher hat die Berliner CDU die Schöneberger Sängerknaben Berliner Luft singen laßen", sagte Steffel der taz. "Jetzt spielen wir eben Jennifer Lopez. Das Ganze muß ja auch zu dem Kandidaten paßen, der sich präsentiert." Warum ausgerechnet Jennifer Lopez zu ihm paßt, hat er nicht verraten. Vielleicht tanzt er gern? Vielleicht treten er und Jennifer gleichermaßen für die Rechte der kubanischen Minderheit in Florida ein?

Jennifer Lopez zu spielen galt als "amerikanisch", weil Steffel damit Show über Inhalt erhob. Jennifer sang nämlich auf Englisch. Das heißt, für die wenigsten im Publikum waren ihre politischen Standpunkte verständlich. Ein Amerikaner würde nie auf die Idee kommen, fremdsprachige Popsongs könnten den Wählern seine Ideen näher bringen. Ich frage mich, was paßiert wäre, wenn George W. Bush beim Wahlkampf in Texas Lieder von Roberto Blanco gespielt hätte ("Ein bißchen Spaß muß sein ..."). Es überraschte niemanden, daß Steffels Gegenkandidat Klaus Wowereit, der beßer zwinkern als grinsen konnte, vom politikmüden Berliner Publikum zum Bürgermeister erkoren wurde.

Was Deutsche für "bloße Show" halten, ist nur die eine Seite der Medaille. Wie die Amerikaner Show und politische Inhalte vereinen, zeigte Bill Clinton beispielhaft in seinem erfolgreichen Wahlkampf um die Präsidentschaft 1992. Auch auf seinen Kundgebungen erklang ein Popsong: Don't Stop von Fleetwood Mac. Die Zielgruppe, die er erreichen wollten, hatte auf dieses Lied in ihrer High-School-Zeit getanzt. Sie kannten es in und auswendig, es war ein Teil von ihnen, es ging ihnen ans Herz. Den Text konnten sie mitsingen:

Don't stop thinking about tomorrow
Don't stop - it'll soon be here.
It'll be better than before
Yesterday's gone, yesterday's gone.

Amerika hatte gerade acht Jahre Ronald Reagan und vier Jahre George Bush senior hinter sich. Das linke Amerika, das Clinton ansprechen wollte, hatte fast schon aufgegeben, auf eine linke Regierung zu hoffen. Dann kam Clinton und sagte ihnen in Worten, die sie liebten und mitsingen konnten: "Morgen wird beßer als je zuvor. Gestern ist vorbei, gestern ist vorbei." Das Lied ging ihnen durch Mark und Bein, es war ein Kampfaufruf, stark, emotional und motivierend.

Als Gerhard Schröder vor seiner Wahl zum Bundeskanzler in der RTL-Sendung Gute Zeiten Schlechte Zeiten auftrat, wurde ebenfalls von inhaltloser Show gesprochen. Doch der Auftritt war eine Botschaft. Hätte er bei Sabine Christiansen irgendwas von Jugend gefaselt, wäre es nur ein Spruch gewesen. Indem er mit solch einem Auftritt Kritik in der Preße riskierte, sagte er deutlich: "Ich halte die Jugend nicht für dumm, und ich stehe nicht über ihr."

Mit seiner Jennifer hat Steffel höchstens sein Publikum zum Tanzen aufgefordert. Sein Problem war nicht, daß er amerikanisiert war, sondern, daß er nicht wußte, was er tat.

Wenn Soziologen die Amerikanisierung der Politik und des Wahlkampfes diskutieren, stoßen sie immer wieder auf das nervige Problem, daß man "Amerikanisierung" oft problemlos mit dem Wort "Modernisierung" ersetzen kann. Als Willy Brandt amerikanische Wahlkampfberater in sein Team holte - tat er das, weil er amerikahörig war, oder weil seine deutschen Mitarbeiter die Veränderungen in den Medien und in der Maßenkommunikation verschlafen hatten? Hat er amerikanische Verhältniße in die Heimat geholt oder moderne Verhältniße? Es ist ein bißchen, als ob man in einen Hamburger beißt, innehält und sich fragt: "Mein Gott, bin ich amerikanisiert ... oder habe ich bloß Hunger?"

Die Deutschen könnten ihre Politik nicht amerikanisieren, selbst wenn sie es wollten. Ihre Version von Demokratie hat einfach einen deutschen Charakter: "Leute, hier wird keine Entscheidung gefällt, bis jeder Einzelne seine Meinung abgegeben hat. Noch ein Bier?" Bei einer deutschen Wahl gibt es keine Gewinner und Verlierer, sondern nur eine neue Koalition. Da reibt man sich die Hände und freut sich auf viele lange Gespräche, emotionale Stellungnahmen, schockierende Kontroversen, selbstgerechte Abtrünnige, zerknirschte Selbstbezichtigungen und am Ende einen dicken, leckeren Kompromiß, Stoff für noch mehr lange Gespräche und emotionale Auseinandersetzungen. Da sind die Deutschen in ihrem Element. In den USA haben wir keinen Zwang zur absoluten Mehrheit. Wir glauben nicht an das Prinzip des Konsens, sondern an das Prinzip des Gewinnens und Verlierens. Das geht so: Einer gewinnt, alle andere verlieren. Danach setzt sich der Gewinner mit sich selbst zusammen und entscheidet allein, was er machen will. Die Verlierer setzen sich irgendwo anders hin und führen lange, intelligente Gespräche.

Die amerikanischste aller deutschen Parteien sind die Grünen. Es fängt schon mit dem Namen an: keine kalte Abkürzung, sondern ein freundlicher, witziger und sympathischer Name, der zugleich etwas Neues ist. Alles am Auftritt der Grünen ist dahingehend konzipiert, sich von anderen Parteien abzuheben. Ihr Image ist erstaunlich zielgruppengerecht. Sie umwerben ganz bestimmte Wähler, die von anderen Parteien vernachläßigt werden. Sie reden gern über die Wichtigkeit von Inhalten und pflegen ihr Image beßer als jeder andere. Joschka Fischer, anfangs mit seinen Jeans und Turnschuhen, später mit seinem Volkßport Jogging; Hans-Christian Ströbele mit seinem roten Schal und diesem verdammten Fahrrad ... Jeder Grünen-Politiker ist ein Selbstvermarkter, dem kein Hollywoodstar das Waßer reichen kann.

Trotzdem sind sie die deutscheste Partei. Wir Amerikaner haben nämlich auch eine grüne Partei, doch bei uns nimmt sie niemand ernst, weil sie ein Nebenthema wie Umwelt zum Hauptanliegen deklariert. Wahrend die großen Parteien hierzulande auch große philosophische Ideen wie christliche, demokratische und soziale Werte verkörpern wollen, bauen die Grünen eine erstaunlich erfolgreiche politische Existenz auf einem Detail auf. Und hacken immer wieder auf diesem Detail mit einer moralischen Penetranz rum, die ich sonst nur von amerikanischen Fernsehpredigern kenne. Ich staune, daß die Grünen nicht längst einen eigenen Fernsehkanal betreiben, wo Abgeordnete jeden Sonntagmorgen Umweltbewußtsein predigen und um Spenden bitten. Auch ihr weltfremder Idealismus ist deutsch. Kaum durften sie mitregieren, spalteten sie sich in "Realos" und "Fundis" auf, je nachdem, ob sie sich der wirklichen Welt der Politik stellen oder lieber nur schöne Sprüche klopfen wollten (eine Tätigkeit, die hierzulande durchaus respektiert wird). Amerikanische Politiker sind alle Realos, und je schlechter sie in den Meinungsumfragen stehen, desto realoer werden sie.

Das Intereßanteste an der These der Amerikanisierung ist, was sie über die Deutschen selber sagt. Als Brandt als "amerikanisiert" beschimpft wurde, war das keine sachliche Feststellung, sondern Wahlkampf. Es hieß nichts anderes als "nicht deutsch". Der Vorwurf der Amerikanisierung ist hierzulande ein beliebtes Mittel, einen politischen Gegner als fremdbestimmt und somit ungeeignet darzustellen. "Es hat sich gezeigt, daß das Shopping deutscher Wahlkampfmanager in den USA keineswegs ein neuer Trend ist", schreibt die Soziologin Christina Holtz-Bacha in Trans-Atlantic - Trans-Portabel? (Hrsg. Klaus Kamps): "ebenso wenig der Vorwurf der Amerikanisierung an deutsche Wahlkämpfe. Daß dieser regelmäßig neu belebt wird, hat sich in Deutschland fast zum Wahlkampfritual entwickelt."

In Amerika machen wir unsere Kandidaten auch fertig, aber nicht, indem wir ihnen vorwerfen, sie seien "germanisiert". Als Bill Clintons Gegner ihn als "unamerikanisch" darstellen wollten, machten sie sich darüber lustig, daß Clinton in Oxford studiert hatte, denn wir Amis halten nichts von diesen eingebildeten, elitären Euro-Intellektuellen, die gescheit reden können, sich aber die Finger nicht schmutzig machen. Clinton bewies umgehend das Gegenteil, indem er auffällig viele Hamburger in billigen Fastfood-Restaurants verschlang.

"Sie können nicht leugnen, daß wir durch die jahrelange Besatzung gewißermaßen amerikanisiert sind", sagte mir der Feuilletonredakteur einer großen Wochenzeitung.

"Doch, doch, das kann ich", versicherte ich ihm.

Wir saßen beim Mittagessen in Café Einstein in Berlin. Er hatte mir gerade erklärt, was Lammstiele sind, und das Gespräch ging nahtlos zur Theorie der Amerikanisierung über. Auf solch ein Gespräch bin ich immer vorbereitet. Ich wollte just zu einer ausführliche Erörterung der Amerikanisierung als Illusion anheben, als er mich unterbrach.

"Ich weiß, was Sie meinen", sagte er. "Nur, weil wir Jeans tragen, heißt das noch lange nicht, daß wir Amerikaner sind. Stimmt auch. Und ich weiß, die Franzosen und Engländer halten sich auch für amerikanisiert und sie erlebten keine Besatzung, also kann es nicht daran liegen. Stimmt alles. Aber einen gewißen Wandel gab es doch, und ich meine das im guten Sinne. Wir haben es vor allem den Amerikanern zu verdanken, daß sich die Deutschen nach dem Krieg ein bißchen entkrampft haben. Sie müßen sich vorstellen, das war im Grunde noch Preußen. Dann kamen die Amis mit ihrer Popmusik und ihrem läßigen Lebenßtil und mit ihrer Einstellung, das Leben leicht zu nehmen. Das hat den Deutschen gut getan."

Ich entspannte mich. Dieses Argument war mir tatsächlich neu. Jeder weiß, die Deutschen waren damals sehr verkrampft und sind es heute nicht mehr. Zumindest sagt man das so. Ich bin kein Historiker, also muß ich diese Einschätzung akzeptieren. Außerdem schmeichelt es schon, zu denken, daß unser Elvis den Deutschen ihr Preußentum abgewöhnt hat.

Doch Moment mal. Elvis war gut, aber war er so gut?

Wer behauptet, die Popkultur wurde den deutschen Kids übergestülpt, verkennt, was diese Kids alles geleistet haben. Sie waren es nämlich, die die moralische Grundlage für das heutige Deutschland gelegt haben, während sie scheinbar hirnlos und konsumgeil auf Chuck Berry abtanzten.

Bill Haley landete den ersten großen Rock 'n' Roll-Hit Rock Around the Clock 1954. Das war mitten im Kalten Krieg. Die Propagandamaßnahmen der Alliierten waren abgeschloßen oder aufgegeben. Die Westdeutschen hatten ihre politische, wirtschaftliche und kulturelle Hoheit zurück. (Die Amis beschallten noch Ostdeutschland, doch man kann nicht behaupten, daß die DDR sonderlich amerikanisiert wurde.) Wer im Westen Rock'n'Roll hören wollte, mußte den Militärsender AFN einschalten. Die Soldaten verteilten manchmal Schokolade, aber wer Jeans wollte, mußte sie kaufen. Und sie waren teuer. Diese Jugendkultur gehörte nicht zum Plan der USA, den Deutschen die Identität zu rauben. Sie gehörte zum Plan der Kids, das Geld ihrer Eltern auszugeben.

Diese Kids hatten mit ihren Eltern nicht mehr viel gemeinsam. In seinem Buch Roll over, Beethoven! über die Amerikanisierung stellt Kaspar Maase, Kulturwißenschaftler an der Universität Tübingen, fest, daß die Versuche der "Reeducation" in den ersten Jahren nach Kriegsende, also bei der Generation der Eltern, von den Amerikanern selbst als nicht gerade erfolgreich eingestuft wurden. "Meinungsumfragen und soziologische Studien zeigten, daß ... die Mehrzahl der Menschen die amerikanischen Muster für soziale und kulturelle Entwicklung ablehnte."

Der Mentalitätswandel kam erst mit dem unglaublichen Wohlstand der 50er Jahre. Wer im Geld schwimmt, hat es schwer, seinem Kind die Werte des Dritten Reiches oder der mageren 20er zu vermitteln. "In den Fünfzigern war die Beziehung zwischen Eltern und Kindern besonders gereizt und potentiell explosiv", schreibt Maase. "Umgeben von wachsendem Wohlstand und Liberalismus, sträubten sich die jungen Leute zunehmend gegen Kontrolle und Gängelung ... Diese sozio-psychologische Situation erklärt zum Teil, warum die Nachkriegskinder in ihrer Jugend die provokanten Ideen der US-Jugendkultur aufgriffen, um eine symbolische Grenze zwischen ihnen und der älteren Generation zu ziehen."

Heute stellt man sich die damalige Jugend gern als angepaßt und oberflächlich vor, weil sie keine APO, keine Demos und keine RAF hatte. Doch wer die Heile-Welt-Filmchen jener Zeit genauer anschaut, erkennt, wie groß die Verunsicherung durch den Generationskonflikt war. In dem Heinz-Erhardt-Streifen Vater, Mutter und neun Kinder von 1958 rebelliert jedes seiner Kinder auf andere Weise. Eine Tochter hat einen abstrakten Künstler geheiratet, eine andere Tochter verliebt sich in einen etwas befremdlichen Franzosen, und das Nesthäkchen raucht heimlich. Alle scheinen viel Spaß zu haben, aber unter der Oberfläche steht jedes Kind in direktem Konflikt zu den Werten der Elterngeneration. Doch das Intereßanteste an diesem Film ist Familienvater Erhardt, der mit den Fehlern seiner jüngsten Vergangenheit zu kämpfen hat. Denn er hat ein dunkles Geheimnis, und seine emanzipierte Journalistin-Tochter will es aufdecken. Nein, es handelt sich nicht um seine Verwicklung im Dritten Reich, sondern um ein lustiges Mißverständnis mit einer Dame, und am Ende stellt sich natürlich seine Unschuld heraus. Doch keiner kann mir erzählen, daß die Kinozuschauer der 50er Jahre beim Thema Vergangenheit, Schuld und Aufdecken nicht wußten, worum es ging.

Erhardt (bei Tisch): "Eine einzige Fliege im Zimmer und ausgerechnet die kommt immer zu mir."
Ehefrau: "Aber Vater, laß die unschuldige Fliege."
Erhardt: "Woher weißt du, daß die unschuldig ist?"

Nein, die Kids der 50er waren beileibe nicht so doof, wie es die 68er-Generation gern glaubte. Sie waren es, die mit der Ablehnung der Werte ihrer Eltern dieses Land grundlegend geändert haben. Ohne die mentale Kehrtwende der Generation der ach so oberflächlichen Wirtschaftswunderkinder ist das heutige Deutschland mit seinen hohen moralischen Ansprüchen und seinem tiefem Pazifismus nicht denkbar. Es war eine deutsche Entwicklung und eine deutsche Leistung. Die Amis haben nur den Soundtrack dazu geliefert.

Aber die Deutschen sind Träumer. Wenn es keine echte Amerikanisierung gegeben hat, erfinden sie eine. Die real existierende Besatzung wurde an einen Schauplatz verlegt, der so abstrakt ist, daß ihn niemand unter die Lupe nehmen kann: das Schlachtfeld der Identität. Ob im Guten oder im Schlechten: Hier ist jedes Stück Schokolade, das die GIs je an westdeutsche Kinder verfüttert haben, der Anfang einer perfiden Gehirnwäsche, und mit jedem Popsong verliert man mehr und mehr seine Seele.

Mit abstrakten Ideen verhält es sich ähnlich wie mit dem Yeti. Jeder weiß, den Yeti gibt es wirklich, aber keiner hat ihn je gesehen. Es gibt nur eine Möglichkeit, den Yeti zu beschreiben. Man stelle sich den Himalaja vor. Dann denke man sich alles weg, was nicht der Yeti ist: Dörfer und Straßen, Sherpas, Felder und Wälder, Ziegen, Vögel und Mücken; die Schluchten, Hänge und Schnee, ja die Berge selbst. Das, was übrig bleibt, ist der Yeti.

So definieren die Deutschen ihre Identität. Sie nehmen nicht das, was da ist, und beschreiben es: Sie stellen sich das vor, was fehlt.

Eine Freundin fragte mich einmal, was für mich typisch deutsch sei. Für mich ist es das Händeschütteln. Das ist einer ihrer schönsten Bräuche.

Wir Amerikaner geben uns nur ein paar Mal in Lauf einer Freundschaft die Hand: Beim ersten Mal, wenn wir uns kennen lernen: Nice to meet you. Dann vielleicht nochmal, wenn wir uns lange nicht gesehen haben oder um zu gratulieren. Es ist eine Formalität. Wer bei uns befreundet ist, braucht keine Formalitäten (zumindest glauben wir das gern). In Deutschland fand ich es anfangs befremdlich - und auch ziemlich lustig -, daß man sich regelmäßig die Hand gibt. Es kommt vor, daß Freunde, die sich jeden Tag sehen, sich auch jeden Tag die Hand geben. Ist bei so viel Regelwerk Freundschaft überhaupt möglich? Muß ich vielleicht ein Formular ausfüllen, um eine Freundschaft anzufangen? Dann aber fiel mir auf, was da wirklich paßiert. Ein Händedruck ist eine Beteuerung, daß man immer noch verbunden ist. Das gefiel mir. Das macht es so deutsch. Es ist zwar formal, aber innerhalb dieser Formalität auch warm und persönlich.

Das ließ sie nicht gelten.

"Das ist nicht typisch deutsch", sagte sie. "Das tun alle in Europa."

Nach dieser Definition von Identität müßte man alles nehmen, was Deutsche sind, haben oder tun, und überprüfen, ob jemand anders es auch tut. Ist dies der Fall, oder stammt es irgendwo anders her als aus Deutschland, ist es nicht deutsch.

Da bleibt in Deutschland recht wenig Deutsches über. Hip-Hop, Unterhaltungskino, Jeans, iPods und Nikes ... alles amerikanisch. Die Gebrüder Wright haben das Fliegen erfunden (Otto von Lilienthal nur den Absturz. Sorry!). Den Adler haben auch wir Amerikaner als Wappentier, die "deutsche" Eiche verehren die Engländer ebenso und die Kartoffel ist sowieso südamerikanisch. Das erste Bier haben die Sumerer gebraut. Die Industrialisierung kam aus England. Die dumme Idee, sich am Zeitalter des Imperialismus zu beteiligen, ebenso. Große Bereiche der Wißenschaft, Mathematik und Astronomie stammen aus Arabien; Leonardo und Galileo waren beide Italiener. Moderne Demokratie: Amerikanisch. Dann gibt es Rom. Der Staat, das Schrifttum, das Rechtswesen, die christliche Kirche, die Idee des Kaisertums, die die Deutschen eine Weile so gut fanden ... alles aus Rom. Wer weiß, ob es Deutschland heute überhaupt gäbe, wenn die Germanen nicht alles aus Rom abgeguckt hätten. Den Deutschen bleibt das Auto. Das hat Gottlieb Daimler 1883 erfunden. Aber die Straße bleibt römisch.

Man kann die reine deutsche Seele so lange suchen, wie man will, man findet sie nicht. Aber man findet immer wieder die ur-deutsche Eigenschaft, sich ständig überall in der Welt umzuschauen und sich das Beste anderer Kulturen zu Eigen zu machen. Warum auch nicht? Geographisch befinden sie sich dafür in der idealen Lage.

Es gibt nur eins, was sie woanders nicht finden: Die deutsche Identität. Die bleibt zu Hause. Trotzdem glaubt man sie irgendwo da draußen, wie einer dieser zerstreuten Profeßoren, die ihre Brille suchen, die sie die ganze Zeit auf der Nase haben.

Einige Bemerkungen zu "Planet Germany"
"Planet Germany" wurde mein erster Bestseller. Es gab zwei Ausgaben: Broschur und Taschenbuch. Es war das erste Buch, das ich ganz auf Deutsch schrieb, mit Hilfe von Astrid Ule.
 
Der Verlag brachte mich dazu, auf dem Cover einen Cowboyhut zu tragen - bis dahin hatte ich nie einen Cowboyhut getragen, und würde das auch in Amerika nie tun, trotzdem habe ich mich darin verliebt. Zumal weil ich immer wieder merke, wie dieser Hut bei Lesern wahlweise heiße Liebe oder tiefe Verachtung auslöst.
 
Hier eine Kritik von Henryk M. Broder in Der Spiegel.
 
Kauft das Buch!
 
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